Talking Museum: Gehirnyoga im Weltmuseum

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Katalog: Relief aus dem 12.Jhdt.

Katalog: Relief aus dem 12.Jhdt.

Ich bin in der Ausstellung „Pop-Up World“ im neuen Weltmuseum Wien. Auf dem Podest vor mir steht ein Relief mit einer Shiva-Darstellung aus dem 12. Jahrhundert. „Wow, 12. Jahrhundert. So alt!“, denke ich ehrfürchtig. Und ausgerechnet da sagt Christian Schicklgruber, der neue Direktor des Weltmuseums, der uns durch die Ausstellung führt: „Das Alter der Objekte spielt eigentlich keine Rolle.“. Und ich denke mir so: „WTF?!“. Es wird während dieser Museumsführung noch mehr Momente geben, bei denen mein Hirn erstmal ordentlich Yoga machen muss, um sie zu verstehen.

Ich gehe viel und sehr gerne in Museen. Jedes alte Gemälde, jede Statue ist für mich ein Fenster in die Zeit, in der es entstanden ist. Inzwischen lese ich mir manchmal auch ein bisschen Kontext an. Was mich dabei antreibt, ist immer die Frage „Warum sind wir Menschen so geworden, wie wir heute sind?“. Mich interessieren die ganz großen Bögen, und gleichzeitig fasziniert mich der Gedanke, dass der Mensch, der vor 2500 Jahren, das sind ungefähr 70 Generationen, dass dieser Mensch damals diese eine griechische Statue aus dem Stein gehauen hat, und dass er ihr genau so in die Augen gesehen hat, wie ich es letzte Woche im Kunsthistorischen Museum getan habe. Und dass der vielleicht auch am Morgen aufgewacht ist wie ich, und sich gedacht hat „Mist, morgen muss die Statue fertig sein. Ich hasse Deadlines.“ (Naja, bloß eben auf Altgriechisch).

Lange Zeitspannen und das Alter von Objekten spielen eine große Rolle in meiner Annäherung an Kunst, merke ich gerade. Ich suche nach Mustern und Ähnlichkeiten, und nach den Veränderungen. Ich versuche daraus abzuleiten, wie sich die Blicke auf unsere Welt verändert haben, und welche gleich geblieben sind. Und dann stehe ich im Weltmuseum vor einem 800 Jahre alten Relief, und lerne, dass das Alter von diesem Objekt jetzt gerade eigentlich relativ wurscht ist.

Uma- Maheshvara, eine kleine Shiva-Darstellung aus billigem buntem Plastik von hinten, in der Originalverpackung.

Uma- Maheshvara, eine kleine Shiva-Darstellung aus billigem buntem Plastik von hinten, in der Originalverpackung.

Christian Schicklgruber erzählt uns warum. Es geht nämlich um die Bedeutung des Gegenstandes, und nicht um sein Alter. In dem Fall ist das eine religiöse Bedeutung. Ich zitiere hier einfach mal seinen Text zu dem Objekt aus dem neuen Katalog:

„Der größte Teil der Bevölkerung erhofft sich von seinen Göttern Beistand in der Meisterung des alltäglichen Lebens mit all seinen Problemen und Schwierigkeiten. In diesem Sinne ist es für Gläubige letztlich irrelevant, aus welchem Material die göttlichen Darstellungen gefertigt sind und aus welcher Zeit sie stammen.“

Deswegen ist neben dem alten Relief auch eine kleine, billige Darstellung desselben Motivs ausgestellt. Sie ist aus buntem Plastik und noch genau so verpackt, wie es in dem Laden in Nepal vor kurzem gekauft wurde.

Und da habe ich verstanden, wie viele Perspektiven es gibt, mit denen ich auf alte und neue Objekte blicken kann. Und wie gut es mir tut, aus meinem klassischen „je älter desto interessanter“-Schema im Kopf auszusteigen.

Ach so, und apropos neuer Katalog: In dem habe ich mich gestern am Sofa zwei Stunden lang festgelesen, und das gelingt auch nicht jedem Museumskatalog. Es liegt in dem Fall am Konzept: Zu 150 Objekten wird von den KuratorInnen der Sammlungen jeweils eine konkrete kurze Geschichte erzählt. Meistens sind das tatsächlich keine erzählerische Vignetten, die von alten Herrschern oder gegenwärtigen Alltagssituationen berichten, über die sich dann das Objekt samt wissenschaftlichem Hintergrund erschließt.

Jetzt kleiner Exkurs, quasi Metaebene: Weil ich ja berufskrank bin, was das Geschichtenerzählen betrifft, habe ich mir das genauer angesehen. Die Geschichten, die mich am meisten ansprechen, beginnen immer mit einem ganz konkreten Bild. Sie erzählen eine kleine Szene, die eine Person erlebt. Sie beschreiben atmosphärisch die Stimmung eines speziellen Moments. Erst danach kommen die Jahreszahlen und die abstrakteren, manchmal wissenschaftlichen Hintergründe. Ein Lehrbeispiel in gutem Storytelling. Allein das ist schon ein Grund, sich den Katalog durchzulesen.

Aber weg vom Sofa und zurück zu meinem Besuch im Weltmuseum. Die Ausstellungsführung hat sich inzwischen in ein Gespräch mit Christian Schicklgruber verwandelt. Irgendwie kommen wir auf die Mona Lisa zu sprechen, und auf die Tatsache, dass die meisten Menschen an den vielen großartigen Kunstwerken, die auf dem Weg zur Mona Lisa liegen, einfach vorbeilaufen. Und dass das ja eigentlich ein Blödsinn ist. Wäre er Direktor vom Louvre, meint Christian Schicklgruber, dann würde er am liebsten alle Schilder bei den Gemälden abmontieren. Damit man in einen Saal hineingeht und einfach mal schaut, wie einen welche Kunstwerke ansprechen.

In dem Punkt muss sich mein Hirn nicht so sehr verbiegen, weil mir das sofort einleuchtet. Teilweise mache ich das ohnehin so. Interessant war das zum Beispiel neulich bei der Rubensausstellung im KHM. Weil dort quasi jedes Bild ein Highlight war, habe ich mich beim ersten Besuch nur von meinem Instinkt leiten lassen. Er hat mich zu dem Gemälde „Der gefesselte Prometheus“ geführt, und ich habe es dann noch dreimal besucht, weil es mich so beeindruckt hat. Dabei hingen dort andere Gemälde, die offiziell sicher berühmter waren als mein Prometheus.

Man darf sich im Weltmuesum auch mal hinlegen.

Man darf sich im Weltmuesum auch mal hinlegen.

Und das passt ja dann wieder zu dem Umgang mit den Objekten in der Ausstellung des Weltmuseums. Die Plastikversion der Shivadarstellung steht gleichwertig neben dem 800 Jahre alten Steinrelief. Jedes Objekt ist mit Geschichten und Kontext aufgeladen. Die Vielstimmigkeit, die sich die Neuausrichtung des Museums seit der Wiedereröffnung auf die Fahnen schreibt, wird tatsächlich in jeder Vitrine genauso gelebt wie im Katalog, oder auch in der achtstündigen Videoinstallation „The Master Narrative“ (ja, schon wieder gehts ums Erzählen) von Lisl Ponger.

Dass ich euch einen Besuch des Weltmuseums empfehle, dürfte inzwischen eh klar geworden sein. Am besten sollte man aber mehrmals hingehen und genug Zeit mitbringen, damit man die vielen Perspektiven auch wirklich entdecken kann. Dann klappts auch mit dem Gehirnyoga.

Danke an Anna Attems und ihr Team von Kunst für uns, die das Bloggermeetup samt Führung organisiert habt. Danke an Christian Schicklgruber für die Gehirnyogaübungen. Und danke ans Museum für den Katalog, den jeder von uns bekommen hat.

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