Was mich findet: Die verlorene Kulturtechnik des Katalogblätterns.

Heute hat mich plötzlich eine Erinnerung gefunden. Und zwar daran, dass ich als Kind oft Kataloge durchgeblättert habe. Meistens stammten sie von der Ausbeute meines Vaters, der sie zum Beispiel von Reisemessen mitbrachte. Wir buchten daraus keine Urlaube, weil meine Eltern unsere Campingreisen selbst planten. Aber ich machte Eselsohren bei den Pyramiden und der Akropolis, bei französischen Lavendelfeldern und einem schottischen Schloss. Später habe ich die Pyramiden und die Akropolis ausgeschnitten und sie in meine Mappe für den Geschichtsunterricht hineingeklebt, zu den Zusammenfassungen über das alte Ägypten und das antike Griechenland.

Vor Weihnachten habe ich die Eselsohren dann in Spielzeugkatalogen gemacht und neben vielen Buchtiteln einiges von diesen Seiten auf den Wunschzettel fürs Christkind geschrieben. Ich wusste zwar, dass ich keine fünf Barbies samt Pferd und Cabrio würde, weil ich wenig mit Puppen spielte und Barbies eigentlich nicht mochte. Trotzdem habe ich sie im Katalog mit einem Stift eingekreist. Vielleicht war das eine bestimmte Form von Cosplay. Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, ein Kind zu sein, das alle diese Barbiepuppen hat, inklusive Pferd und Cabrio. Der Spielzeugkatalog diente meiner Fantasie als Vorlage, mir eine Kindheit mit anderen Spielsachen und Menschen auszudenken.

Auf einem anderen Katalog stand „Donauland“, das war eine Buchgemeinschaft. Als Mitglied suchte man sich Bücher und Schallplatten zu einem günstigen Preis aus, die als Lizenzausgaben extra dafür hergestellt wurden. Einige dieser Bücher, die ich als Kind in dem Katalog angekreuzt hatte, stehen immer noch in meinem Regal, genauso wie die, die ich in den Verlagsvorschauen aus den Buchhandlungen eingekreist hatte, die vor Weihnachten und dem Geburtstag bei uns am Tisch lagen.

Und noch einen Katalog gab es in meiner Familie. Er war sehr klein, vom Format eines Gotteslobs in der Kirche, seine Seiten waren ähnlich dünn. In diesem Verlag namens Zweitausendeins gab es sehr spezielle Bücher, Kassetten und Schallplatten. In meiner Erinnerung waren die manchmal etwas esoterisch, oder sogar anarchistisch. Für mich war dieser Katalog mit Aufregung und einem Gefühl von Abenteuer verknüpft. Dort gab es Bücher, die man nirgends anders finden konnte. Zumindest dachte ich das. Ich weiß aber nicht, ob meine Eltern da jemals etwas bestellt hatten, oder ob auch hier der Akt des Durchblätterns und die Vorstellung davon, dass man eines dieser Bücher besitzen könnte, schon genügt haben.

Heute blättere ich keine Kataloge mehr durch; das Internet hat sie ersetzt. Und jetzt gerade vermisse ich es ein bisschen – das Rascheln der dünnen Seiten, die Eselsohren und die Kreise um die Barbiepuppen. Aber morgen werde ich das schon wieder vergessen haben, wenn ich auf meinem Handy durch Onlineshops scrolle. Schade eigentlich.

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