#weekendwriting 12: Meine Geschichte

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Dieses (verlängerte) Wochenende bin ich spät dran. Zwischen Steuerbescheid und Feiertag habe ich mich ein bisschen verzettelt, aber jetzt ist sie da – meine Geschichte zur aktuellen Weekend Writing Challenge.

Weekend Writing 12: Luna Park

Zukunft

In Ingrids Leben war alles normal. Ihr Mann, ihre Abende zu Hause, ihr Leben. Sie mochte das so. Nur manchmal, da erinnerte sie sich an die Zeit, bevor alles normal wurde.

Heidemarie und Ingrid waren die besten Freundinnen gewesen. Im Kindergarten hatten sie eine eigene Geheimsprache, an der die Kindergartentanten verzweifelt war. In der Volksschule heckten sie in der großen Pause Pläne zur Eroberung der Weltherrschaft aus. Und im Gymnasium hatten sie den ultimativen „Will ich mit dir gehen? Ja, nein, vielleicht“-Test für Burschen entwickelt. Sie waren unzertrennlich, schrieben ein gemeinsames Tagebuch und planten darin ihre Zukunft. Bis Ingrid auf Joachim traf. An ihn verlor sie ihr Herz, und darin war kein Platz mehr für Heidemarie. Nach der Matura zog Heidemarie ins Ausland, und Ingrid hörte immer seltener von ihr. Die ersten Jahre blätterte Ingrid noch ab und zu im Tagebuch, bis es eines Tages hinters Regal rutschte.

Joachim war ein patenter Ehemann, Ingrid hatte eine nicht vollkommen uninteressante Arbeit, und die Abende verbrachten sie beide gerne daheim. Sie hatten es ruhig und Ingrid war glücklich. Bis Joachim am letzten Samstag im September plötzlich zu atmen aufhörte und vom Ohrensessel rutschte. Die Sirenen der Rettung störten die Stille im Wohnzimmer, und zu viele Leute knieten hektisch bei Joachim, der am Ende trotzdem tot blieb.

Die Stille, die Ingrid immer so geschätzt hatte, war plötzlich zu viel, und in ihrem Herz war ein Loch. Da dachte sie an das Tagebuch und machte sich auf die Suche nach Heidemarie. Eine lange Telefonliste später hatte Ingrid sie am Apparat. Heidemarie war gerade mit ihrer Bridgerunde auf dem Weg nach Disneyworld. „Alles langweilige Schnepfen, aber es gibt Gruppenrabatt. Komm doch mit, ich schmuggle dich in mein Zimmer!“. Kurze Zeit später war alles wie früher – der Geheimcode, die Gespräche, die Lachanfälle – Ingrids Herz war wieder prall gefüllt. Am Abend lagen sie nebeneinander im Doppelbett, und Adelheid zog ein Notizbuch mit einer Micky Maus und dem Aufdruck „Tagebuch“ am Cover aus ihrer Handtasche. „Du fängst an!“ sagte sie zu Ingrid. Ingrid nahm einen Kugelschreiber, schlug die erste Seite auf und schrieb in großen Lettern „ZUKUNFT“ darauf.

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