Der Berg

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Im Sommer 2018 war ich für zwei Wochen gleich ums Eck von der Haindlkarhütte im Nationalpark Gesäuse einquartiert, weil ich das Medienstipendium der Nationalparks Austria bekommen hatte. Ich habe hier im Blog aber noch nie darüber geschrieben. Seltsam eigentlich, weil mich diese zwei Wochen sehr geprägt haben. Aber vielleicht ist genau das der Grund. Erlebnisaufsätze greifen nicht immer auf die Emotionen zu, um die es eigentlich geht.

In diesen Tagen denke ich wieder viel an die Berge, und an meine Zeit dort oben. Ich habe eine veritable Sehnsucht nach der unberührten Natur entwickelt, seit ich die meiste Zeit hier in der Wohnung sitze. Vielleicht ist das der Grund, wieso ich einen der beiden Texte, die damals entstanden sind, wieder aus der Schublade geholt habe. Er heißt „Der Berg“. Ihr könnt ihn weiter unten nachlesen. Falls ihr nicht so lange auf den Bildschirm starren wollt, könnt ihr ihn auch als Audiofile anhören, oder auf Youtube zu meiner Stimme einige meiner Fotos ansehen.

Und bevor es lossgeht, bedanke ich mich nochmal bei Andi Hollinger für die Organisation, und beim „Steindolmetscher“ Wolfgang Riedl, der mir beigebracht hat, die Berge zu lesen.

„Der Berg“ zum Hören und Sehen

„Der Berg“ Anhören (Text und Stimme: Ines Häufler)
„Der Berg“ zum Hören und Sehen (Text, Stimme und Fotos: Ines Häufler)

„Der Berg“

Prolog

Die Haut des Berges faltet sich.

Sie bricht und bekommt Kratzer,
und sie trägt fremde Zeichen aus ganz alten Zeiten.

Sie runzelt und kantet.
Sie baut Schichten und wird zerrieben.
Sie stapelt aufeinander und lässt los.
Sie hat Kerben und Risse.
Sie ist chaotisch und geometrisch.
Ist porös und fest.
Ist grau, weiß, gelb und rot.
Aus Sand und Kalk.
Ist gebrochen und gerundet.
Ist kantig und weich.

Ist uralt gewachsen und frisch geformt.

Der Berg denkt zurück

Der Berg spricht nicht.

Er träumt gerade vom Wasser. Von dem Tosen der Wellen über ihm. Von der heißen Lava an seinen Füßen.
Er erinnert sich an die sanften Bewegungen der Meerestiere auf seiner Haut. Manche haben dort gewohnt, gemeinsam mit den Pflanzen.

Später träumt der Berg von der Wärme, als es um ihn heller wurde, und das Wasser über ihm sank.
Als sich die Tiere in ihm eingegraben haben.
Als sie verwachsen sind mit ihm, bis ihre Spuren in seinem Inneren verschwanden.

Jetzt träumt der Berg von dem Augenblick, als sein Kopf zum ersten Mal ins Freie schaute.
Als er begriff, dass es eine Sonne gab – die Füße im Wasser, sein Gipfel immer höher in der Luft. Als er das erste Mal spürte, was trocken bedeutet, und Hitze.

Der Berg denkt zurück an das Knirschen und Knacken, an das Schieben und Zerren.
Er erinnert sich an das Wachsen nach oben, aus dem Wasser heraus, als sich das Rauschen der Wellen immer weiter entfernte.
Die in ihm eingeschlossenen Tiere strecken sich mit ihm hinauf. Sie wohnen jetzt in ihm, für immer, oder bis er sie wieder freilassen kann.

Der Berg vermisst die Wellen und die Geräusche des Meeres.

Manchmal lässt er ein Wasser in seinem Inneren plätschern. Ein Echo der uralten Ozeane. Das beruhigt ihn.

Der Berg friert

Der Berg träumt vom Eis. Das ist kein schöner Traum.

Es drückt und es reißt, er stemmt sich dagegen.
Er wird überrollt,
abgerieben,
und verformt.
Gepresst
und geschliffen.

Immer wieder in neue Formen gebracht, die er nicht selbst gewählt hat.

Er hält dagegen, aber die Kräfte sind stark, genau wie die Kälte. 
Irgendwann lässt er sich gehen, er gibt seine oberen Schichten hin.

Jetzt steht alles still. In einer kurzen Ewigkeit eingefroren.

Die Geräusche verstummen, nur in seinem Inneren knarzt es und drängt, und es quetscht. Bis auch das aufhört.

Irgendwann dringt das Außen wieder zu ihm vor. Die Laute der Tiere und Pflanzen wecken ihn auf. Und dem Berg fällt wieder ein, was Wärme bedeutet.

Der Berg hat jetzt Menschen

Die Sprache des Berges ist alt. Die Menschen verstehen sie nicht.
Sie erschrecken vor seinem Grollen, und fliehen vor dem Steinschlag.
Dabei will er meistens nur warnen. Und manchmal auch spielen.

Wenn es ihm zu viel ist, will er weniger werden. Dann wirft er Ballast ab. Manchmal will er sie halten, die Steine, aber sie rollen schon weg.

Sein Gedächtnis ist brüchig. Nur selten erinnert er sich noch an die Momente seiner Geburt.

Dem Berg fallen jetzt eher die jüngeren Zeiten ein.
Wie es sich anfühlt aufgebohrt zu werden und abgeschürft.
Wie sie in sein Innerstes vordringen.
Wie sie sich auf ihm festhaken, seine Spitzen abtragen, fremde Gegenstände auf ihm befestigen.
Ihn belagern und belärmen, in der Luft über ihm, auf seiner Haut, in ihm drinnen.

Das Beenden seiner Stille.

Der Berg sitzt es aus. Er wartet bis die Menschen vergehen.

Manchmal sieht er den Einzelnen zu, die mühsam auf ihn steigen. Und denen, die von ihm stürzen.
Sie sagen: „Der Berg ruft!“.
Der Berg schweigt. Und er wartet.

In letzter Zeit ist er oft müde und passt nicht mehr auf.
Er lässt das Wasser fließen, die Steine rollen.

Nur manchmal, da hofft er auf eine Ankunft, mit der neue Begleiter kommen. Die nicht über ihn, sondern mit ihm sprechen.

Der Berg atmet durch

Der Berg ist ganz ruhig.

Seit der Lärm innen und außen verstummt ist, fühlt er sich kräftiger.

Irgendwann waren sie weg, die Menschen, und langsam kam seine Erinnerung zurück. Durch die Töne von Wind und von Schnee, und das Gefühl von sonniger Hitze. Und durch die vertrauten Geräusche der Tiere.

Der Berg kann wieder klar denken. In seinen Träumen besuchen ihn die Wellen und Fische.

Selbst wenn es um ihn herum stürmt, bleibt seine Ruhe bestehen.

Der Berg atmet durch und lässt sich sacken.

Die Ankunft

Der Berg versteckt sich in den Wolken und beobachtet.

Die Aeronauten sind vorsichtig. Sie steigen aus dem Fluggerät und sehen sich um. Dann bringen sie glänzende Detektoren auf der Felswand an. Ganz leise, die Handgriffe sitzen.

Sie scharren eine Grube in das Geröll. Gemeinsam heben sie einen langen, weichen Gegenstand aus ihrem Fluggerät und legen ihn hinein. Dann begießen sie ihn mit einer Flüssigkeit.

Der Berg ist wachsam. Er horcht und er spürt.

Die Aeronauten warten.

Dem Berg kommt eine dunkle Erinnerung an frühere Besucher. Er versucht zu verstehen: Freund oder Feind?
Er schiebt seine Steine um den fremden Gegenstand, er verschluckt und prüft ihn.
Der Berg hört die Erinnerungen, die ihm der Gegenstand sendet. Sie kommen von sehr weit her. Aber auch sie handeln von Geburt und von Stille, von Tumult und Vergehen. Er kennt die Gefühle, auch wenn die Geschichten, die ihm der Gegenstand schickt, ganz anders aussehen als seine.

Der Berg entscheidet sich: Freunde.
Er öffnet sich.

Die Aeronauten betreten die Höhle knapp unter dem Gipfel. Sie verstehen den Berg, und er erlaubt ihnen zu bleiben. Das ist der erste Kontakt.

Der Berg hofft: Dieses Mal wird es anders.
Dieses Mal werden sie mit ihm sprechen, und nicht nur über ihn.

Die Aeronauten hören zu.

Der Berg erzählt seine Geschichte.

Prolog (© Ines Häufler)
Der Berg denkt zurück (© Ines Häufler)
Der Berg friert (© Ines Häufler)
Der Berg hat jetzt Menschen (© Ines Häufler)
Der Berg atmet durch (© Ines Häufler)
Die Ankunft (© Ines Häufler)

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