#weekendwriting 11: Meine Geschichte

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Na, habt ihr auch dieses Mal wieder bei der Weekend Writing Challenge mitgemacht? Ihr könnt eure Geschichten gerne hier in den Kommentaren posten! Hier ist meine:

Weekend Writing Challenge No.11, Foto von Milton Green

Weekend Writing Challenge No.11, Foto von Milton Green

Der Küchenboden

Nach fünf Monaten war es so weit. Julia saß neben den anderen auf den Stufen und redete mit, wenn alle von ihren Freunden, Affären, Männern oder beidem erzählten. Sie hatte sogar begonnen zu rauchen. Jetzt war sie eine von ihnen.

Als sie in die Stadt gezogen war, kannte sie niemanden. Eigentlich machte Julia das nichts aus. Sie wusste immer etwas mit sich anzufangen. Und sie genoss die Stille im Museum, den Wind auf der Haut beim Spaziergang im Park, die letzten Sonnenstrahlen, die sich durch ihr kleines Küchenfenster herein trauten. In Gesellschaft war sie ein wenig unsicher, deshalb vermied sie es, mit Menschen zusammen zu sein. Besonders schwer fielen ihr die kleinen Gespräche auf Parties oder im Lift. Was hatte sie schon zu erzählen? Die Sonnenstrahlen in der Küche waren ihr dann peinlich und das Museum klang langweilig. Männergeschichten gab es keine. Sie wurde gut darin, solche Situationen zu meiden, was aber kaum nötig war, da sie ohnehin von niemandem eingeladen wurde.

Am vorletzten Sonntag ging Julia wie immer im Park spazieren, als sie plötzlich laute Rufe und ein ungewöhnliches Platschen hörte. Sie ging ihnen nach und sah, dass in der Mitte des Teiches einen kleinen Jungen mit den Armen ruderte. Ohne viel darüber nachzudenken, zog sie ihren Mantel und ihre Schuhe aus, watete in den See, schwamm zum Kind, packte es unter den Achseln und zog es ans Ufer. Es weinte, was gut war, denn das hieß, dass es Luft bekam. Einen Augenblick später lief die aufgeregte Mutter des Kindes herbei, schloss den kleinen Jungen in die Arme und wollte ihn nie mehr loslassen. Sie begann ebenfalls zu weinen. Julia stand dem Polizisten Rede und Antwort, der mit der Mutter nach dem Jungen gesucht hatte. Dann ging sie nach Hause.

Am Montag war ein Bild von ihr in der Zeitung, und sie wurde eine Heldin genannt. In der Arbeit waren alle sehr aufmerksam zu ihr. Immer wieder musste sie die Geschichte vom Jungen im Teich erzählen. Sie bekam Einladungen zu Geburtstagsfesten und Babyparties und ging nach der Arbeit noch mit in die Bar. Es stellte sich heraus, dass Museen doch nicht für alle ein langweiliges Thema waren und verabredete sich mit einer der neuen Freundinnen zu einem Besuch der neuen Picasso-Ausstellung. Beim Thema Männer galt sie als verständnisvolle Zuhörerin – das entband sie der Pflicht, selbst etwas darüber zu sagen.

Nur eines erzählte sie nicht: Wie sie die Mutter mit dem kleinen Jungen zu hause besucht hatte, um sich zu bedanken, und der kleine Junge mit seinen Händchen quietschend den Sonnenstrahlen auf ihrem Küchenboden hinterhertapste. Jedesmal wenn sie daran dachte, bekam sie einen Kloß im Hals, vor Freude über den Moment. Aber das brauchte niemand zu wissen.

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