#weekendwriting 10: Meine Geschichte

1 Comment

Na, was ist euch zur aktuellen Weekend Writing Challenge eingefallen? Wenn ihr etwas geschrieben habt, das ihr hier teilen wollt, kopiert die Geschichte (oder den Link dazu) hier oder im vorhergehenden Blogeintrag in die Kommentare!

Hier ist meine Geschichte. Fürs Ende hätte ich gerne noch etwas Zeit gehabt, aber 15 Minuten sind 15 Minuten…

Gott

Der Hubinger Franz hatte sich zwei ganze Tage auf das Fest vorbereitet. Nicht, dass es viel vorzubereiten gegeben hätte; das meiste hatte seine Frau schon erledigt. Aber es gab doch so einiges, das wollte der Hubinger Franz jetzt zu Ende bringen.

Am Donnerstag Abend fuhr er deswegen zur Käthi. Und dort, in der guten Stube, unter dem Herrgottswinkel, dort hat der Hubinger Franz dann der Käthi seine Meinung gesagt. Geschlagene dreissig Jahre nachdem sie ihm am Tanzboden einen Korb gegeben hatte. Das hatte ihr der Hubinger Franz nämlich nie verziehen. „Du bleder Grompn, du depperter! Wegen dir bin i auf die Maria einigfalln. Seit dreissg Joahr bin i mit der verheirat. Es is schlimmer ois wia beim Teifi in da Hölln!“ Der Hubinger Franz meinte dann noch, die Käthi solle sich zu besagtem Teufel scheren, dort würde sie hingehören. Dann setzte er sich ins Auto und fuhr weg. So gut hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt.

Am Freitag Morgen packte der Hubinger Franz sein Jagdgewehr ins Auto, fuhr in den Wald und setzte sich auf den Hochstand. Nach langen Stunden des Wartens betrat der prächtige Zwölfender die Lichtung. Er war der ganze Stolz des Max Tiefenbach, der seit zwanzig Jahren den Bürgermeistersessel nicht mehr verlassen hatte. Man wusste von dem prächtigen Zwölfender, akzeptierte, dass dieser für Normalsterbliche tabu war, und sprach während der Jagdsaison lieber über die aktuelle Kürbisernte und das nächste Zeltfest. Der Hubinger Franz jedoch nahm den prächtigen Zwölfender leichten Herzens ins Visier, zog am Abzug – und traf. „Na, jetzt wirst bled schaun, Max“ lachte er in sich hinein. Das tote Tier ließ er liegen.

Heute war Samstag Abend, und es war Zeit für das große Fest. Der Partykeller des Schützenvereins füllte sich mit den ersten Gästen, der Eierlikör wurde nachgefüllt, und der prächtige Zwölfender war ausnahmeweise nicht tabu, sondern Gesprächsthema Nummer eins. Der Hubinger Franz war glücklich. Seine Gattin Maria rackerte sich inzwischen in der Küche ab. Auch das freute ihn. Genauso, dass er sah, wie widerwillig seine zwei erwachsenen Söhne ihm zum sechzigsten Geburtstag gratulierten.

Als alle versammelt waren, hob der Hubinger Franz zu seiner Rede an. „Schön, dass ihr alle da seids. Du, Hubert, kommst ja sicher grad wie jeden Samstag aus der Roten Laterne. Hast deiner Frau schon erzählt, wie nett du es dir dort immer mit der Daryna machst? Und du, Gertrude, wie gfallts dir mit deim Klavierstudenten? Und Maria – meine liebe Maria, glaubst ich weiß nix von deim Gspusi mit dem Max?“ So spielte der Hubinger Franz geschlagene zwanzig Minuten lang Gott, deckte die Sünden der Anwesenden auf und fühlte sich zum ersten Mal seit langem frei.

Nach seiner Ansprache stieg er die Treppe hinauf, setzte sich ins Auto, versicherte sich, dass sein Jagdgewehr noch am Rücksitz lag, und fuhr wieder in den Wald. Am Hochsitz fixierte er einige Zeit den Fleck, den der prächtige Zwölfender im Gras hinterlassen hatte.

„Das mach ich für dich, meine Käthi!“ flüsterte er lächelnd.

Zuerst fiel der Schuss, und dann das Jagdgewehr mitsamt dem Hubinger Franz vom Hochstand hinunter.  Dann legte sich Stille über die Lichtung und alles war gut.

Share this Post

Ines#weekendwriting 10: Meine Geschichte
Schreiben weekendwriting


Comments 1

  1. Peter Springinklee

    Einmal im Jahr ging sie mit – aber sie fühlte sich nie so richtig wohl. Mama war immer der Meinung, dass das Weberbach-Stüberl unter ihrem Niveau sei.
    Wochentags war es ruhig, wenn am Tresen nur die Geschäftsleute waren, die hereinkamen um sich einen letzten Drink zu genehmigen. bevor sie heimgingen. Am Freitag, wenn die Arbeiter dann ab dem frühen Abend kamen, um ihren Wochenlohn schon mal anzureissen – mit einem Bier oder zwei, oder auch einmal einen Weinbrand. Oder spätabends, am Wochenende, wenn die Herren mit ihrer oftmals viel zu jungen weiblichen Begleitung reinkamen – Mixgetränke bestellten, die gerade in Mode waren. Martini oder Whisky.
    Seine Welt war das. Er ging lieber wochentags hin, dann war nicht so viel Trubel und er konnte in Ruhe den Gästen an der Bar zusehen, sich Geschichten zu den Gesichtern ausmalen konnte und überlegte, welches Auto zu ihnen passen könnte. Er wusste immer genau, welcher Gast welcher Auto-Typ war. Ferdi war der Top-Verkäufer seit Jahren. Und um das zu feiern, ging sie dann doch einmal im Jahr mit.
    Dann, wenn einmal im Jahr die Prämie bezahlt wurde vom Chef, dann ging er mit ihr auf einen Champagner-Cocktail. Schick – mit Sakko und Krawatte. Wohler fühlte er sich in seiner blauen Windjacke mit dem schönen Firmenlogo: Auto-Hansa!
    Das Foto fand sie nicht so toll. Mann muss in die Kamera schauen, sagte sie mit leichtem Vorwurf in der Stimme, zog die Brauen hoch und legte es weg. Aber ich kann ja sagen, was ich will, Dein Vater machte schon damals was er wollte.
    Als die Energiekrise kam, verlor Papa zuerst seinen Job bei der Auto-Hansa, und dann die Geduld mit Mamas Wünschen und Ermahnungen. Eine neue Stellung war nicht zu finden. Nicht in der Autobranche. Alles andere war unter seiner Würde.
    Nach der Scheidung verlor er das Wohnrecht, dann den Kontakt zu uns.
    Bis vor 6 Tagen habe ich nichts mehr von Papa gehört. Als die Nachricht kam, dass er an einem Lungeninfarkt gestorben war, war ich etwas überrascht. Ich weiss nicht, warum ich dachte, es wäre ein Leberschaden.
    In der Einsegnungshalle waren nicht viele Menschen. Ein Kranz von „Horst, Gerli und den Kollegen der Auto-Hansa“ war da. Meine Schwester Gabi und ich waren die einzigen Familienmitglieder. Mama wollte partout nicht kommen. „Vorbei ist vorbei.“ war ihr Kommentar – und damit war es beschlossene Sache, dass sie nicht gehen würde.
    Dann machte sie sich den Piccolo auf, und goss ihn auf den dunklen Sirup – nahm das Glas in die Hand und hob es leicht an. „Auf Dich, Ferdi!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.