Viennale’12: ROOM 237

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Ich kann mich an eine Filmveranstaltung erinnern, bei der die Bedeutung der roten Farbe von Dorothys Schuhen in THE WIZARD OF OZ diskutiert wurde. Es müsse ja eine besondere Bedeutung haben, weil die Schuhe im Roman silber sind und nicht rot, wie im Film. Rot wie die Liebe, Leidenschaft, rot wie in der Geschichte „Die roten Schuhe“… Es gab zahlreiche Theorien. Ich meinte dann, dass man sie vielleicht einfach deswegen rot gemacht hatte, weil es 1939 einer der ersten Farbfilme war und man mit der neuen Technologie angeben wollte. Leider wurde ich damals nicht gehört. (Randnotiz: Ich hatte recht.)

Im Film ROOM 237 lässt Regisseur Rodney Asher verschiedene Menschen zu Wort kommen, die eine intensive Exegese des Films SHINING betreiben. Da gibt es den Wissenschafter, der die Indianermotive deutet (Bilder, Abbildungen auf Backpulverdosen im Hintergrund, Dialogzeilen usf.) und daraus ableitet, dass der Film ein Kommentar zum Genozid an der indigenen Bevölkerung Amerikas ist. Dann wäre da einer, der u.a. durch numerologische Betrachtungen überzeugt ist, dass es in SHINING um den Holocaust geht. Dann gibt es wen, der den Film vorwärts und rückwärts gleichzeitig abspielt und durch die „Doppelbelichtung“ neue Bedeutungsebenen in den Bildern findet. Es wird von Fenstern gesprochenen, die auf Grund des Aufbaus des Gebäudes nicht existieren können, was das akribische Erstellen von detailliertesten Grundrissen zur Folge hat. Es geht außerdem um subliminale Bildbotschaften, und in dem Moment, in dem ich mir denke: Das sind ja irgendwie alles kleine Verschwörungstheorien, da taucht auch schon eine größere auf, denn selbstverständlich darf die Verbindung zu der von Kubrick angeblich inszenierten Mondlandung nicht fehlen.

Das ganze ist sehr amüsant, und teilweise auch wirklich absurd. Aber was mich wirklich fasziniert ist, wie sehr dieser Film als Projektionsfläche dienen kann. Wer von seiner Interpretation überzeugt ist, wird mit ziemlicher Sicherheit irgendwo im Film einen Beweis dafür finden. Und damit geht diese Dokumentation für mich über eine Ansammlung von möglichen Lesarten von SHINING hinaus, weil sie mir gezeigt hat, wie Projektionen funktionieren, und dass sie mehr über den Menschen aussagen, von dem sie kommen, als über die Sache, in die sie hineininterpretiert werden.

Eine sehr spannende Dokumentation, die zusätzlich eine ganz eigenwillige Bildsprache entwickelt. Denn die Interviewten sieht man nie, man hört nur ihre Stimmen. Dazu sieht man Filmausschnitte, die teilweise die Emotionen der Sprecher kommentieren oder assoziative Stellen aus anderen Filmen, die wieder neue Bedeutungsebenen aufmachen.

Ich für meinen Teil werde ab jetzt jedenfalls in Teppichmustern nur mehr sexuelle Fruchtbarkeitssymbole sehen können.

Edit: Meinen tollen Facebookfreunden sei Dank verweise ich hier auf zwei Links, die dort in den Kommentaren aufgetaucht sind.
Erstens eine Kurzdoku, in der von den am Film beteiligten diverse Dinge angesprochen werden, über die in ROOM 237 spekuliert wird: Staircases to Nowhere – Making Stanley Kubrick’s The Shining (danke, Nino).
Und zweitens ein langer Artikel, der den Film auf sehr gescheite Art auseinandernimmt (Danke, Claus).

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InesViennale’12: ROOM 237
Viennale


Comments 2

  1. Yolanda Puschkin

    Sehr schöner Kommentar. Ich habe mir danach gedacht: Ich werde The Shining nie wieder ohne den Kontext mit dieser Doku schauen können. Vielleicht ist das auch nicht so schlecht, man übt sich dann auch mehr in Aufmerksamkeit.

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    Author
    Ines

    Danke. Ja, überhaupt werde ich nun nicht umhin kommen, Hotelteppichmuster auf ihre sexuelle Konnotation hin zu deuten. Es ist ein Fluch.

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