Schlag nach bei den Griechen (oder bei Shakespeare und George R. R. Martin)

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Ehrlich gesagt – nach über 10 Jahren als Script Consultant kommt mir manchmal vor, dass ich alle Methoden schon mal ausprobiert oder zumindest durchgedacht habe. Neulich habe ich aber mitten in einer Drehbuchbesprechung etwas entdeckt, das zwar nicht neu ist, aber für mich sehr effektiv und nebenbei total simpel war. Deswegen habe ich das hier mal aufgeschrieben, vielleicht hilft das ja der einen oder dem anderen weiter.

Ich arbeite gerade mit einem jungen Filmemacher an dessen Langfilmdebüt. In einem der letzten Gespräche haben wir intensiv über die Figuren und ihre Konstellationen zueinander diskutiert, und auch über einzelne emotionale Motivationen der Charaktere. Ich verwende in solchen Gesprächen manchmal Metaphern, um sicherzustellen, dass ich die AutorInnen auch wirklich richtig verstehe. Dabei sage ich dann Dinge wie „Ah, dann ist das also so, als wäre Y der Häuptling eines Stammes, und unser Protagonist X will unbedingt dazugehören?“. Dadurch entsteht in unseren Köpfen sofort ein Bild der Konstellation, und wir können prüfen, ob wir die Figuren ähnlich einschätzen, ob sie konsistent geführt werden, oder wann und warum sie die Rollen wechseln.

Die Geschichte im Drehbuch als antikes Drama denken

Das Spannende war in diesem Fall, dass ich irgendwann komplett aufgehört habe, die Figurennamen zu benutzen, und wir das Gespräch nur mehr über diese Bilder geführt haben: „Und dann wird er vom Häuptling zum Kronprinzen auserkoren.“ – „Ah, das heißt, der andere macht ihm an der Stelle den Platz um den Kronprinzen streitig.“ – „Er will am Ende aus Rache den Häuptling vom Thron stürzen.“ usw.. Wir sprachen also immer noch vom selben Drehbuch – einer Geschichte, die in der Gegenwart in Wien angesiedelt, und eigentlich ganz, ganz weit weg von Urmythen, antiken griechischen Tragödien und Shakespear’schen Königsdramen ist.

Warum war dieses Gespräch so effektiv? Es hat mir einen völlig neuen Blick auf die Geschichte ermöglicht, und zwar den auf eine darunterliegende, archaische und damit emotionale Ebene. Ich habe Bögen in der Entwicklung der Figuren in kürzester Zeit benennen können, die ich sonst hinter dem Plot nur mit einigem Aufwand bzw. nicht in der Klarheit herausgefiltert hätte.

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Natürlich ist der Ansatz, innerhalb einer Geschichte die mythologische Komponente zu finden, nicht neu. Spätestens seit Christopher Vogler in „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ die Mythentheorie von Joseph Campbells „Der Heros mit 1000 Gestalten“ zur Anwendung gebracht hat, gehört es zum guten Ton, von Heldenreise, Monomythen und Archetypen zu sprechen. Aber mit der klassischen Heldenreise habe ich so meine Probleme (wieso, das schreibe ich mal extra auf), und die Archetypen sind mir zu wenig intuitiv – ich persönlich kann einfach mit „Häuptling“ und „Thronfolger“ mehr anfangen als mit „Gestaltwandler“ und „Schwellenhüter“.

Außerdem glaube ich mich zu erinnern, dass ich einmal über den dänischen Drehbuchautor und Dramaturgen Mogens Rukov gehört habe, dass er die AutorInnen ihre Geschichten als griechische Tragödie erzählen lässt, um das Allgemeingültige der Erzählung herauszufiltern. Und das bringt mich zu meiner Lieblingsfrage: „Worum geht es denn eigentlich wirklich in der Geschichte?“ Es ist die Frage nach dem universellen, emotionalen Thema, in dem man sich beim Anschauen des Films auch dann wiedererkennt, wenn die Geschichte in einer Welt spielt, die weit weg von unserer angesiedelt ist. Z.B. im Weltall der Zukunft, vor 300 Jahren oder in einer Reihenhaussiedlung am Speckgürtel von Wien – ja, auch das ist für mich eine Parallelwelt, die ich nur vom Hörensagen kenne, genauso wie meine Welt für viele unbekannt ist.

Das emotionale Thema als Fundament der Geschichte

Angelika Unterholzner hat unterschiedliche Definitionen des emotionales Themas vor einiger Zeit hier gut zusammengefasst. Für mich ist das emotionale Thema die Seele eines Films, und eines der Fundamente für eine gute Geschichte. Es bewirkt, dass ich einen Bezug zwischen den Figuren und mir herstellen kann und ihrer Reise folgen will; es fördert die Identifikation. Und genau da setzt die Übung an, das Drehbuch als mythische Geschichte zu erzählen: Plötzlich erkenne ich die universelle Dimension der Geschichte viel klarer. Besonders spannend finde ich das übrigens bei Geschichten, die sehr modern und heutig wirken, und bei Projekten, wo man oft dem Äußeren mehr Beachtung als dem inneren Drama schenkt, z.B. bei sehr pointenlastigen Komödien.

Wem die griechische Mythologie zu weit weg ist, die kann ja ihre Geschichte mal als Shakespear’sches Königsdrama erzählen. Oder als Episode aus Game Of Thrones, denn der Autor George R.R. Martin hat sich dort ziemlich viel abgeschaut. In diesem Sinn:

Von Herzen, Deine Khaleesi!

Von Herzen, Deine Khaleesi!

(Wie, ich habe den langen Artikel nur geschrieben, um dieses Bild posten zu können? Also bitte…! Naja, ok, vielleicht. Aber die Übung funktioniert trotzdem wirklich gut!)

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InesSchlag nach bei den Griechen (oder bei Shakespeare und George R. R. Martin)
Drehbuch Werkzeug


Comments 2

  1. Barbara

    Darling,

    vielen Dank für Deinen Artikel. Finde den Ansatz sehr toll! Werde ihn aktuell an meinen Krimis ausprobieren. Ich glaube, dass diese Methode beim Krimi (der ja relativ nah an der Tragödie gebaut ist, wobei man auch nicht immer einen Helden hat dem man zuschauen darf wie er sich mutwillig für den eigenen Untergang entscheidet und diesem aus freien Stücken entgegentritt) ganz gut funktioniert. Sehr interessant wird es dagegen bei Komödien sowie SitComs und Comedies!!! Vielleicht hilft es, mein Gefühl von Treibsand-Sinking in ein Gefühl von Treibsand-Floating zu transformieren. THNX! LOVE!

  2. Post
    Author
    Ines

    You’re welcome! <3 Happy floating!

    Ja, bei Krimis geht das sicher sehr super. Ich finde es aber auch gerade bei den Genres, wo es eigentlich nicht intuitiv wäre, das zu verwenden, besonders interessant. Eben Sitcom usw.. Halte mich doch auf dem Laufenden, ob es dabei für dich nützlich ist!

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