Kreatives Schreiben: Weekend Writing #50

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Ich muss zugeben, ich habe lange gezögert, ob ich die Weekend Writing Challenge dieses Mal nicht ausfallen lassen soll. Weil es wichtigeres gibt als eine lustige Schreibübung. Ich habe letzte Nacht bis 3h früh auf Twitter die Lage der kriegsvertriebenen Menschen aus Syrien via Twitter und Co. beobachtet, die seit Tagen versuchen, von Budapest nach Wien und Deutschland weiterzureisen. Als die Meldung über Twitter kam, dass die Busse durchkommen und am Wiener Westbahnhof (der ist direkt bei mir ums Eck) genug Helfer und Sachspenden vorhanden sind, habe ich mich für ein paar Stunden schlafen gelegt. Aber ich bin immer noch dabei, alles im Kopf zu sortieren.

Worüber ich gerade viel nachdenke: Über meinen Hauptgewinn im Geburtslotto. Mit meinem österreichischen Pass kann ich 140 Länder ohne Visum bereisen, das macht ihn zum siebtstärksten weltweit. Ich habe die Chance auf eine Ausbildung bekommen und genutzt. Ich gehe in einer Demokratie wählen. Ich habe eine Krankenversicherung und ein schönes Dach über dem Kopf. Und wenn ich laufen gehe, mache ich das aus Spaß und nicht weil ich vor Bomben oder anderen Menschen davonrennen muss. Und das alles, ohne dass ich irgendeine Leistung dafür erbracht habe, in Österreich geboren zu sein.

Und worüber ich noch nachdenke: Wie sich Geschichte wiederholt. Mit neuen Variablen, aber ähnlichen Bildern. Als ich gestern Nacht die Situation der Menschen recherchiert habe, die 1956 von Ungarn nach Österreich geflohen sind, ist mir dieses Album untergekommen. Darunter auch das Bild unten. Und ich habe mir gedacht, dass ich das heute für die Writing Challenge verwende. Denn die Weekend Writing Challenge ist auch immer eine Übung in Empathie, ohne die das mit dem Schreiben meiner Meinung nach ja nicht geht. Und das Zusammenleben auch nicht. Kann also nicht schaden, heute doch eine Weekend Writing Challenge zu machen. Denke ich mir halt. (Die Bildunterschrift zu dem Foto ist übrigens auch sehr interessant.  Von wegen der großen Ähnlichkeit und der Unterschiede zwischen damals und heute.)

So, und jetzt gehe ich wieder kopf- und herzsortieren (und Geld spenden und sonstwie helfen; hier und hier gibts aktuelle Infos für Wien). Und euch wüsche ich interessante Gedanken, Begegnungen, Geschichten und eine gute Zeit.

 

Für alle, die zum ersten Mal dabei sind: Es geht darum, dass ich hier immer am Samstag ein Foto als Schreibinspiration für eine kurze Geschichte poste. Ob ihr euch dabei an die „Regeln“ haltet, die unter dem Bild stehen, oder nicht, ist völlig euch überlassen. Es gibt auch nichts zu gewinnen, außer der Freude am Schreiben. Wenn ihr wollt, könnt ihr dann eure Texte einfach hier in den Kommentaren posten, gerne auch anonym. Ich freue mich übrigens nicht nur, wenn ihr mitmacht, sondern auch wenn ihr es (im Netz) weitererzählt. Je mehr Menschen mitmachen, umso besser!

Ungarn-Flüchtlinge 1956

Ungarn-Flüchtlinge 1956

Hier kommt die Anleitung:

  1. Stell dir einen Timer (Küchenuhr, Handywecker…) auf 5 Minuten. Bereit?
  2. Schau dir das Foto 5 Minuten lang genau an. Die Menschen, die Körperhaltung, die Gegenstände. Was ist im Zentrum, was bzw. wer im Hinter- oder Vordergrund? Entdecke die Details, studiere die Gesichtsausdrücke. Was könnte die Geschichte zum Foto sein?
    Pling! Die 5 Minuten sind um.
  3. Stelle jetzt den Timer auf 15 Minuten. Los gehts mit dem Schreiben!
  4. Schreibe eine kurze Geschichte. Da die Zeit begrenzt ist, eignen sich Momentaufnahmen, Vignetten, Augenblicke, Kurzgeschichten, Gedankenströme besser als lange, epische, romanhafte Ansätze. Und denk nicht zu lange nach! Es geht hier weniger um den Kopf als um die Intuition.
  5. Pling! Fertig.

Achtung: Es geht hier nicht um Perfektion, sondern um den Spaß am Schreiben. Deshalb halte ich mich nach den 15 Minuten auch nur sehr kurz mit dem Umschreiben auf. Wenn ich selbst mitmache, korrigiere ich einige Formulierungen, für die mir ad hoc beim Durchlesen doch etwas besseres einfällt, aber im Großen und Ganzen lasse ich die Geschichten so, wie sie beim ersten Wurf entstehen und stelle sie eher „roh“ ins Blog.

Euch fällt nichts ein? Hier einige Fragen, die deiner Fantasie auf die Sprünge helfen können:

  • In welcher Beziehung stehen die Personen zueinander?
  • Wer hat das Foto gemacht, in welcher Beziehung steht die Person zu denen auf dem Foto?
  • Erzählt jemand etwas über die Personen auf dem Bild, oder ist eine Person vom Foto der Erzähler?
  • Wer ist die Hauptfigur, wie heißt er/sie, welchen Background hat er/sie?
  • Welche Erwartungen haben die Personen, was hoffen sie, was befürchten sie? Was sind ihre Lebensträume und Ziele? Was haben sie bereits erlebt?
  • Was ist der Konflikt, das Dilemma, das die Person gerade hat?
  • Was ist vor der Aufnahme passiert, und was passiert, nachdem der Auslöser gedrückt wurde?
  • Was oder wer steht außerhalb des Bildausschnitts?
  • Wie ist die Stimmung der Personen? Ändert sie sich in der kurzen Geschichte?
  • Wie riecht es, ist es warm oder kalt? Friert die Person, ist ihr heiß?

Wenn ihr eure Geschichte im Internet (z.B. auf eurem blog) postet, hinterlasst doch den Link hier in den Kommentaren. oder kopiert den Text in den Kommentar, gerne auch unter einem Pseudonym. Ich freue mich natürlich auch, wenn ihr diesen Artikel auf Facebook und Twitter teilt – es wäre schön, wenn so viele wie möglich mitmachen und diese Form des Weekend Writing ein Fixpunkt im kreativen Internet wird. Aber das überlasse ich der Zukunft. Jetzt geht es los – viel Spaß beim Schreiben!

Für alle WienerInnen: Ich gehe einmal im Monat zu einem Creative Writing Abend bei Barbara Stieff, wo wir uns im informellen Rahmen zum Schreiben treffen. Dabei steht das Ausprobieren und der spielerische Umgang mit Sprache im Mittelpunkt. Also kein Druck, es geht um den Spaß und den Prozess des Schreibens, wie bei dieser Übung. Wer mitmachen möchte, schreibt mir einfach eine Mail, ich leite es dann an Barbara weiter.

Für alle, die die Challenge im Internet teilen wollen: Unser Hashtag lautet #weekendwriting. Er wird bereits von AutorInnen im Netz benutzt, da passt unsere Übung gut dazu.

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Comments 2

  1. Robert Hieronymus Craven

    Mann, hab ich ein Glück! Zur richtigen Zeit im richtigen Land geboren. Klar, es läuft nicht alles rund in meinem Leben, aber im Großen und Ganzen kann ich mich nicht beschweren. Bei vielen Anderen sieht die Sache schon anders aus. Deren Sorgen sind weitaus existenzieller und bedrückender als meine. Ich KANN verreisen, andere MÜSSEN verreisen. Wenn ich im Urlaub verreise, bin ich bei der Abreise zum und vom Zielort immer aufgeregt. Hab‘ ich alles dabei? Nehm‘ ich eh den richtigen Bus/Zug?
    Kommt der Flieger pünktlich? Wo muss ich als nächstes hin? Und dazu kommt noch das Gefühl des Abschieds – etwas Bekanntes, Liebgewonnenes zu verlassen. Kein wirklich angenehmes Gefühl aber man weiß, in ein oder zwei Wochen kommt man wieder zurück und wird glücklich sein, dass man wieder da ist und alles noch in gewohnter Ordnung ist. Gut! Und die Anderen? Die, die fliehen MÜSSEN?! Auch ein ungutes Gefühl beim Verlassen des Zuhauses aber doch irgendwie ganz anders als bei mir. Wie lange wird man weg sein? Wohin geht die „Reise“? Wie komm‘ ich dort hin? Wer hilft mir weiter wenn ich mal nicht weiter weiß? Wird man mich verstehen? Was soll ich den ganzen Tag über machen, wenn ich angekommen bin? Wie kann ich überleben? Und vor allem: Wann kann ich wieder nach Hause? Und gibt es überhaupt noch ein Zuhause? Das ist kein Urlaub, das ist ein Sorgenmarathon – ein anstrengender, emotional zermürbender. Dann wünscht man sich, man wäre woanders oder zu einer anderen Zeit geboren worden. Dann hätte man vielleicht das Glück gehabt, sich freiwillig auf eine Reise begeben zu können, mit der Gewissheit im Kopf, jederzeit zurückkehren zu können.
    Ich hatte Glück…

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