Kreatives Schreiben: Weekend Writing 21

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Ich bin zwar gerade bei der Berlinale, aber das ist kein Grund für euch, die Weekend Writing Challenge zu versäumen. Ich stecke immer noch in der Vorbereitung für mein neues Buch TALKING PASTA* und mache selbst nicht mit, aber ich freue mich auf eure Geschichten hier in den Kommentaren!

Für alle, die zum ersten Mal dabei sind: Es geht darum, dass ich hier immer am Samstag ein Foto als Inspiration für eine kurze Geschichte poste. Ihr könnt eure Texte einfach hier in den Kommentaren posten, gerne auch anonym. Ich freue mich übrigens nicht nur, wenn ihr mitmacht, sondern auch wenn ihr es (im Netz) weitererzählt. Je mehr Menschen mitmachen, umso besser!

Bruce Davidson: South Wales, 1965.

Bruce Davidson: South Wales, 1965.

 

Hier kommt die Anleitung:

  1. Stell dir einen Timer (Küchenuhr, Handywecker…) auf 5 Minuten. Bereit?
  2. Schau dir das Foto 5 Minuten lang genau an. Die Menschen, die Körperhaltung, die Gegenstände. Was ist im Zentrum, was bzw. wer im Hinter- oder Vordergrund? Entdecke die Details, studiere die Gesichtsausdrücke. Was könnte die Geschichte zum Foto sein?
    Pling! Die 5 Minuten sind um.
  3. Stelle jetzt den Timer auf 15 Minuten. Los gehts mit dem Schreiben!
  4. Schreibe eine kurze Geschichte. Da die Zeit begrenzt ist, eignen sich Momentaufnahmen, Vignetten, Augenblicke, Kurzgeschichten, Gedankenströme besser als lange, epische, romanhafte Ansätze. Und denk nicht zu lange nach! Es geht hier weniger um den Kopf als um die Intuition.
  5. Pling! Fertig.

Achtung: Es geht hier nicht um Perfektion, sondern um den Spaß am Schreiben. Deshalb halte ich mich nach den 15 Minuten auch nur sehr kurz mit dem Umschreiben auf. Wenn ich selbst mitmache, korrigiere ich einige Formulierungen, für die mir ad hoc  beim Durchlesen doch etwas besseres einfällt, aber im Großen und Ganzen lasse ich die Geschichten so, wie sie beim ersten Wurf entstehen und stelle sie eher „roh“ ins Blog.

Euch fällt nichts ein? Hier einige Fragen, die deiner Fantasie auf die Sprünge helfen können:

  • In welcher Beziehung stehen die Personen zueinander?
  • Wer hat das Foto gemacht, in welcher Beziehung steht die Person zu denen auf dem Foto?
  • Erzählt jemand etwas über die Personen auf dem Bild, oder ist eine Person vom Foto der Erzähler?
  • Wer ist die Hauptfigur, wie heißt er/sie, welchen Background hat er/sie?
  • Welche Erwartungen haben die Personen, was hoffen sie, was befürchten sie? Was sind ihre Lebensträume und Ziele? Was haben sie bereits erlebt?
  • Was ist der Konflikt, das Dilemma, das die Person gerade hat?
  • Was ist vor der Aufnahme passiert, und was passiert, nachdem der Auslöser gedrückt wurde?
  • Was oder wer steht außerhalb des Bildausschnitts?
  • Wie ist die Stimmung der Personen? Ändert sie sich in der kurzen Geschichte?
  • Wie riecht es, ist es warm oder kalt? Friert die Person, ist ihr heiß?

Wenn ihr eure Geschichte im Internet (z.B. auf eurem blog) postet, hinterlasst doch den Link hier in den Kommentaren. oder kopiert den Text in den Kommentar, gerne auch unter einem Pseudonym. Ich freue mich natürlich auch, wenn ihr diesen Artikel auf Facebook und Twitter teilt – es wäre schön, wenn so viele wie möglich mitmachen und diese Form des Weekend Writing ein Fixpunkt im kreativen Internet wird. Aber das überlasse ich der Zukunft. Jetzt geht es los – viel Spaß beim Schreiben!

Für alle WienerInnen: Ich gehe einmal im Monat zu einem Creative Writing Abend bei Barbara Stieff, wo wir uns im informellen Rahmen zum Schreiben treffen. Dabei steht das Ausprobieren und der spielerische Umgang mit Sprache im Mittelpunkt. Also kein Druck, es geht um den Spaß und den Prozess des Schreibens, wie bei dieser Übung. Wer mitmachen möchte, schreibt mir einfach eine Mail, ich leite es dann an Barbara weiter.

Für alle, die die Challenge im Internet teilen wollen: Unser Hashtag lautet #weekendwriting. Er wird bereits von AutorInnen im Netz benutzt, da passt unsere Übung gut dazu.

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Comments 1

  1. Thomas Lackner

    Wenn ich an Süd Wales denke, fällt mir die Farbe Grün ein. Es gibt kaum ein satteres Grün, als jenes der Wiesen, die direkt zu den Steilküsten führen, von denen man fünfzig oder sechzig Meter hinunter schaut in die Brandung des Atlantik. Er rollt unaufhörlich und in seinem ewigen Rhythmus gegen das steile Hindernis, das ihm irgend ein Gott in den Weg geworfen hat.
    Man steht dort oben und blickt in die Unendlichkeit und ahnt, wie wunderbar dieses Leben sein kann. Wenn man Glück hat kann man manchmal einen Seehund sehen, der sich vor die Steilküste verirrt hat, und auch sehr schnell wieder in den meterhohen Wellen verschwunden ist, so als wäre er nie da gewesen. Dann ist man wieder auf sich zurückgeworfen, riecht die salzige Meerluft, hört an und ab eines der zahllosen Schafe blöken, die sich Schulter an Schulter gegen den Wind stämmen und die wie die steinernen Zäune, die diese satten, weichen Wiesen durchtrennen, zu dieser archaiischen Landschaft gehören.
    Die Ewigkeit des Meeres hat mich schon als kleines Mädchen fasziniert. Wie oft habe ich als Siebenjährige den Kinderwagen genommen, in dem ich selber als Baby gelegen war, habe meine beiden besten Freunde, einen Bären und meine Puppe Honey hineingesetzt und habe das elterliche Haus in Richtung Steilküste verlassen.
    Mutter und Vater mussten beide um einen Hungerlohn in der großen Fabrik unweit unseres Hauses arbeiten, um sich das Wenige leisten zu können, das wir Ende der sechziger Jahre zum „glücklich sein“ brauchten: Regelmässige Mahlzeiten, und an und ab einen Ausflug in den „Red Dragon“, den örtlichen Pub, in dem sich meine Eltern alle zwei Wochen mit ihren Freunden, die gleichzeitig ihre Arbeitskollegen waren, trafen. So war ich oft allein und konnte meine Nachmittage verbringen, wie es mir Spass machte. Die einzige Bedingung war, dass ich meine Hausaufgaben erledigte und nicht zu Nahe an die Steilküste heranging. Meine Eltern wussten, dass sie mir vertrauen konnten. Vor Einbruch der Dunkelheit musste ich wieder zu Hause sein.
    So ließ ich das Haus und die rauchenden Fabrikschlote hinter mir, schob den Kinderwagen mit seinen beiden Insassen ein kurzes Stück die alte Strasse entlang den Berg hinauf über die Kuppe und bog in einer engen Linkskurve in einen morastigen Feldweg ein. Er brachte mich direkt zu meinem grünen Paradies, mit den Schafen und den alten Steinmauern, hinter dem der sanfte, kaum merkbare Bogen des Horizontes eine Welt begrenzte, die ich damals für die einzig mögliche hielt.
    Es waren glückliche Nachmittage, die ich mit Honey und dem Bären dort verbrachte, und wenn ich jetzt dieses Foto in Händen halten, das mich beim Aufbruch zu einem solchen Spaziergang zeigt, wünsche ich mir nichts mehr, als dass ich damals in diesem festgehaltenen Moment für immer eingefroren worden wäre. Denn die Kamera hatte mein Vater auf mich gerichtet, und es war das erste Foto, das er mit ihr geschossen hatte. Nie werde ich sein Lachen vergessen, als er auf den Auslöser drückte, und seinen Stolz darüber, dass er sich mit seinem Fleiss eine Prämie in der Fabrik verdient hatte, die es ihm möglich gemacht hatte, diese Kamera zu erwerben.
    Danach ergriff er meine Hand und wir spazierten gemeinsam zu den Felsen und den Wiesen und den Schafen. Es war ein Sonntag gewesen, und mein Vater nahm sich Zeit für mich, während sich meine Mutter zu ihrem sonntäglichen Mittagsschlaf hingelegt hatte, um sich für den abendlichen Spaziergang in den „Red Dragon“ auszuruhen. Wir kletterten auf die Steinmauern, lachten, jagten die Schafe, und spielten mit Honey und dem Bären, dem mein Vater an solchen Nachmittagen seine tiefe Stimme lieh. Und dann sahen wir den Seehund für einige Augenblicke. Und dann sah mein Vater minutenlang schweigend hinüber zum fernen Horizont, als suchte er dort den Weg, den er nie gefunden hatte.
    Und überall war dieses satte Grün, dass mich immer an Süd Wales und meinen Vater erinnern wird, und dass ich auf diesem Foto nicht finden kann, weil es in die andere Richtung geschossen wurde, wo die Schornsteine ihren rauchigen Nebel über die Landschaft legen.
    Es war auch Vaters letztes Foto gewesen, denn am nächsten Abend kam er nicht mehr aus der Fabrik zurück. Erst viel später habe ich erfahren, was passiert war. Es spielte aber keine Rolle. Vater kam nicht mehr zurück. Das allein zählte.
    Die Kamera lag daraufhin unbeachtet in einem Schrank. Ich habe sie Jahre später gefunden, die restlichen Fotos geschossen und den Film entwickeln lassen. Ich bin so zu diesem Foto von meinem Vater gekommen, dass ich nun über dreissig Jahre immer mit mir herumtrage. Es zeigt mich, mein Elternhaus und die Fabrik. Und es ist schwarz weiss.
    Für mich aber wird es immer grün sein, es riecht nach Salz und feuchten Steinen, und an und ab blökt ein Schaf. Und manchmal taucht für ein paar Augenblicke das stolze Lächeln meines Vaters daraus hervor. Und dann verschwindet es wieder, als sei es nie da gewesen.

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