Kreatives Schreiben: Weekend Writing 16

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Willkommen im funkelnagelneuen Jahr! Habt ihr euren Silvester-Hangover auskuriert? Dann steht ja der ersten Weekend Writing Challenge 2015 nichts im Weg! Achso, einen Neujahrsvorsatz hätte ich noch für euch: Jede Woche bei der Challenge mitmachen (es dauert bloß 20 Minuten), Freunden, die auch daran Spaß haben könnten, davon erzählen, und dem Schreiben (oder einer anderen Form von Kreativität) den Platz in eurem Leben verschaffen, den es verdient. Nämlich mehr als bisher.

So, und für alle, die zum ersten Mal mitmachen: Es geht darum, dass ich hier immer am Samstag ein Foto als Inspiration für eine kurze Geschichte poste. Meine eigene Story stelle ich am Sonntag hier ins Blog, eure könnt ihr hier in den Kommentaren posten, gerne auch anonym. Ich freue mich übrigens nicht nur, wenn ihr mitmacht, sondern auch wenn ihr es (im Netz) weitererzählt. Je mehr Menschen mitmachen, umso besser!

© Vivian Maier: "Undated, Canada"

© Vivian Maier: „Undated, Canada“

Hier kommt die Anleitung:

  1. Stell dir einen Timer (Küchenuhr, Handywecker…) auf 5 Minuten. Bereit?
  2. Schau dir das Foto 5 Minuten lang genau an. Die Menschen, die Körperhaltung, die Gegenstände. Was ist im Zentrum, was bzw. wer im Hinter- oder Vordergrund? Entdecke die Details, studiere die Gesichtsausdrücke. Was könnte die Geschichte zum Foto sein?
    Pling! Die 5 Minuten sind um.
  3. Stelle jetzt den Timer auf 15 Minuten. Los gehts mit dem Schreiben!
  4. Schreibe eine kurze Geschichte. Da die Zeit begrenzt ist, eignen sich Momentaufnahmen, Vignetten, Augenblicke, Kurzgeschichten, Gedankenströme besser als lange, epische, romanhafte Ansätze. Und denk nicht zu lange nach! Es geht hier weniger um den Kopf als um die Intuition.
  5. Pling! Fertig.

Achtung: Es geht hier nicht um Perfektion, sondern um den Spaß am Schreiben. Deshalb halte ich mich nach den 15 Minuten auch nur sehr kurz mit dem Umschreiben auf. Ich korrigiere Formulierungen, für die mir ad hoc  beim Durchlesen doch etwas besseres einfällt, aber im Großen und Ganzen lasse ich die Geschichten so, wie sie beim ersten Wurf entstehen und stelle sie eher „roh“ ins Blog.

Euch fällt nichts ein? Hier einige Fragen, die deiner Fantasie auf die Sprünge helfen können:

  • In welcher Beziehung stehen die Personen zueinander?
  • Wer hat das Foto gemacht, in welcher Beziehung steht die Person zu denen auf dem Foto?
  • Erzählt jemand etwas über die Personen auf dem Bild, oder ist eine Person vom Foto der Erzähler?
  • Wer ist die Hauptfigur, wie heißt er/sie, welchen Background hat er/sie?
  • Welche Erwartungen haben die Personen, was hoffen sie, was befürchten sie? Was sind ihre Lebensträume und Ziele? Was haben sie bereits erlebt?
  • Was ist der Konflikt, das Dilemma, das die Person gerade hat?
  • Was ist vor der Aufnahme passiert, und was passiert, nachdem der Auslöser gedrückt wurde?
  • Was oder wer steht außerhalb des Bildausschnitts?
  • Wie ist die Stimmung der Personen? Ändert sie sich in der kurzen Geschichte?
  • Wie riecht es, ist es warm oder kalt? Friert die Person, ist ihr heiß?

Wenn ihr eure Geschichte im Internet (z.B. auf eurem blog) postet, hinterlasst doch den Link hier in den Kommentaren. oder kopiert den Text in den Kommentar, gerne auch unter einem Pseudonym. Ich freue mich natürlich auch, wenn ihr diesen Artikel auf Facebook und Twitter teilt – es wäre schön, wenn so viele wie möglich mitmachen und diese Form des Weekend Writing ein Fixpunkt im kreativen Internet wird. Aber das überlasse ich der Zukunft. Jetzt geht es los – viel Spaß beim Schreiben!

Für alle WienerInnen: Ich gehe einmal im Monat zu einem Creative Writing Abend bei Barbara Stieff, wo wir uns im informellen Rahmen zum Schreiben treffen. Dabei steht das Ausprobieren und der spielerische Umgang mit Sprache im Mittelpunkt. Also kein Druck, es geht um den Spaß und den Prozess des Schreibens, wie bei dieser Übung. Wer mitmachen möchte, schreibt mir einfach eine Mail, ich leite es dann an Barbara weiter.

Unser Hashtag lautet #weekendwriting. Er wird bereits von AutorInnen im Netz benutzt, da passt unsere Übung gut dazu.

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Comments 2

  1. Barbara Braun

    Undated, Canada
    Sue de Nimes

    „Jetzt Mama, jetzt!“ rief Viviane laut und atemlos. Sie war erhitzt, ihr Gesichtchen glühte. Es war der erste sonnige, etwas wärmere Tag des Jahres, sie und ihre beste Freundin Alice trugen noch ihre Wintermäntel, aber dazu Sandalen, in denen ihre dick bestrumpften Beine steckten. Es war Samstagnachmittag, und nachdem die beiden aus der Schule gekommen waren, hatten sie, ohne einen Bissen zu essen, Vivianes Springseil geschnappt und waren auf die fast menschenleere Straße gelaufen, an der unser Haus stand. Die beiden sprangen Seil, wo und wann immer es irgend möglich war, und Viviane hatte sich gewünscht, dass ich sie mit meiner Hasselblad mitten im Sprung photographieren sollte. Sie wollte unbedingt sehen, wie hoch sie springen konnte. Und die kleine Alice, die immer in ihrem Schlepptau war und Viviane heillos bewunderte und alles für sie tat, war natürlich mit von der Partie. Im Hintergrund befand sich das Auto meines Vaters, in das im Sommer davor ein Reh gelaufen war, als er durch einen unserer Wälder fuhr, um bei den Holzfällern nach dem Rechten zu sehen. Mein Vater war im Winter gestorben, und es widerstrebte mir, die Delle reparieren zu lassen, die das Reh hinterlassen hatte, sie war eine Erinnerung an ihn, ein letztes Überbleibsel seiner Gegenwart. Die Straße, an der wir lebten, war sehr ruhig, beinahe unbefahren, trotzdem war ich oft besorgt, dass den Mädchen etwas zustoßen könnte, falls doch einmal unerwartet ein Auto um die Ecke biegen sollte. Auf einem der nächsten Schnappschüsse erwischte ich Viviane und Alice tatsächlich an der höchsten Stelle ihres Sprungs. Das waren die letzten Aufnahmen, die ich von den beiden machte. Alice zog ein paar Monate später mit ihren Eltern nach Alaska, und Viviane befand nach einer mehrmonatigen Trauerphase, in der sie sich weigerte, das Springseil anzufassen, weil sie ihre Freundin so vermisste, dass sie nun schon zu alt sei für derartigen Kinderkram. Es war, als hätte sie mit ihrer geliebten Freundin auch ein bisschen von ihrer Kindheit verloren.

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