Kreatives Schreiben: Weekend Writing 13

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Vollgestopfte Einkaufsstraßen, Organisationswahnsinn für die Feiertage – könnt ihr euch etwas Schöneres vorstellen, als in der ganzen Weihnachtsvorbereitungshektik 20 Minuten lang auf eine ruhige Insel zu entfliehen, die nur euch gehört? Eben. Deswegen macht ihr jetzt bei der neuen Weekend Writing Challenge mit.

Für alle, die zum ersten Mal mitmachen: Es geht darum, dass ich hier immer am Samstag ein Foto als Inspiration für eine kurze Geschichte poste. Meine eigene Story stelle ich am Sonntag hier ins Blog (Update: hier ist sie), eure könnt ihr hier in den Kommentaren posten, gerne auch anonym. Ich freue mich übrigens nicht nur, wenn ihr mitmacht, sondern auch wenn ihr es (im Netz) weitererzählt. Je mehr Menschen mitmachen, umso besser!

weekend13_mandance

(Das Bild ist dieses Mal von Shorpy. Wenn ihr darauf klickt, kommt ihr zu einer hochauflösenden Version, wo man alle Details genau sieht.)

Hier kommt die Anleitung:

  1. Stell dir einen Timer (Küchenuhr, Handywecker…) auf 5 Minuten. Bereit?
  2. Schau dir das Foto 5 Minuten lang genau an. Die Menschen, die Körperhaltung, die Gegenstände. Was ist im Zentrum, was bzw. wer im Hinter- oder Vordergrund? Entdecke die Details, studiere die Gesichtsausdrücke. Was könnte die Geschichte zum Foto sein?
    Pling! Die 5 Minuten sind um.
  3. Stelle jetzt den Timer auf 15 Minuten. Los gehts mit dem Schreiben!
  4. Schreibe eine kurze Geschichte. Da die Zeit begrenzt ist, eignen sich Momentaufnahmen, Vignetten, Augenblicke, Kurzgeschichten, Gedankenströme besser als lange, epische, romanhafte Ansätze. Und denk nicht zu lange nach! Es geht hier weniger um den Kopf als um die Intuition.
  5. Pling! Fertig.

Achtung: Es geht hier nicht um Perfektion, sondern um den Spaß am Schreiben. Deshalb halte ich mich nach den 15 Minuten auch nur sehr kurz mit dem Umschreiben auf. Ich korrigiere Formulierungen, für die mir ad hoc  beim Durchlesen doch etwas besseres einfällt, aber im Großen und Ganzen lasse ich die Geschichten so, wie sie beim ersten Wurf entstehen und stelle sie eher „roh“ ins Blog.

Euch fällt nichts ein? Hier einige Fragen, die deiner Fantasie auf die Sprünge helfen können:

  • In welcher Beziehung stehen die Personen zueinander?
  • Wer hat das Foto gemacht, in welcher Beziehung steht die Person zu denen auf dem Foto?
  • Erzählt jemand etwas über die Personen auf dem Bild, oder ist eine Person vom Foto der Erzähler?
  • Wer ist die Hauptfigur, wie heißt er/sie, welchen Background hat er/sie?
  • Welche Erwartungen haben die Personen, was hoffen sie, was befürchten sie? Was sind ihre Lebensträume und Ziele? Was haben sie bereits erlebt?
  • Was ist der Konflikt, das Dilemma, das die Person gerade hat?
  • Was ist vor der Aufnahme passiert, und was passiert, nachdem der Auslöser gedrückt wurde?
  • Was oder wer steht außerhalb des Bildausschnitts?
  • Wie ist die Stimmung der Personen? Ändert sie sich in der kurzen Geschichte?
  • Wie riecht es, ist es warm oder kalt? Friert die Person, ist ihr heiß?

Wenn ihr eure Geschichte im Internet (z.B. auf eurem blog) postet, hinterlasst doch den Link hier in den Kommentaren. oder kopiert den Text in den Kommentar, gerne auch unter einem Pseudonym. Ich freue mich natürlich auch, wenn ihr diesen Artikel auf Facebook und Twitter teilt – es wäre schön, wenn so viele wie möglich mitmachen und diese Form des Weekend Writing ein Fixpunkt im kreativen Internet wird. Aber das überlasse ich der Zukunft. Jetzt geht es los – viel Spaß beim Schreiben!

Für alle WienerInnen: Ich gehe einmal im Monat zu einem Creative Writing Abend bei Barbara Stieff, wo wir uns im informellen Rahmen zum Schreiben treffen. Dabei steht das Ausprobieren und der spielerische Umgang mit Sprache im Mittelpunkt. Also kein Druck, es geht um den Spaß und den Prozess des Schreibens, wie bei dieser Übung. Wer mitmachen möchte, schreibt mir einfach eine Mail, ich leite es dann an Barbara weiter.

Unser Hashtag lautet #weekendwriting. Er wird bereits von AutorInnen im Netz benutzt, da passt unsere Übung gut dazu.

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Comments 3

  1. Kyra

    Familienfeste waren immer das Größte. Papa schnappt sich die Gitarre, „Like a rolling stone“ intonierend, mein Bruder grölt „born to be wild“ dagegen an und irgendwann – so sicher wie das Amen in der Kirche – kräht Großonkel Friedrich altersschwach „Die schwarze Natascha! Spiel doch mal Die schwarze Natascha“. Spätestens dann schaltet sich der sonore Bass meines Großvaters ein: „Hör mir auf mit Deiner Natascha. Als ich übern großen Teich bin, zum Ami, da hab’ ich erst gelernt was Musik ist“. Mein Opa ist 1947 in die USA ausgewandert und hat sich als Tellerwäscher und schließlich Barmann durchgeschlagen. Mit wenigen Brocken Englisch versuchte er Behörden, potenzielle Arbeitgeber und natürlich die Ladies zu bezirzen. Als Deutscher hatte er so kurz nach dem Krieg denkbar schlechte Karten, oftmals gab er sich darum als Italiener aus. Auch war sein in Kriegstagen gelerntes Italienisch besser als sein Englisch und bald schlug er sich vornehmlich als lebenslustiger Südländer durch Vororte und Vorurteile. Er ging so in seiner Rolle auf, dass er schließlich im Provinzpub nach seiner Schicht allabendlich den Lebemann gab, der die vornehmlich aus puritanischen Büroangestellten bestehende männliche Kundschaft zu ersten Tanzschritten ermutigte. Dort hat ihn meine Oma Jackie gesehen und sich auf den ersten Blick verliebt. Und diese Liebe hielt auch, als mein Opa ihr gestand, dass sich sein Name eigentlich eher Joseph als Guiseppe ausspricht – geschickt wie er war, hatte Opa die Wahrheit gleich mit einem Heiratsantrag kombiniert. Schwerer als zu verzeihen, fiel Oma später das Leben in Deutschland. Joseph war nur noch in seltenen Momenten Guiseppe, tagsüber feilte er an der Karriere, abends wollte er den Sohn lieber Disziplin als Dixieland lehren. In den ersten Jahren hat Oma noch jeden Sonntag die alten Platten rausgekramt und Guiseppe zum tanzen aufgefordert, später blieb es ein bemühtes Ritual zum Hochzeitstag. Bei Familienfesten war Oma zu meiner Zeit dann immer sehr still – nur wenn Opa wieder zu langen Vorträgen über Musik und seine Zeit in Amerika ansetzte, schüttelte sie manchmal leise lächelnd den Kopf und murmelte „Guiseppe, Guiseppe…“.

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  3. Thomas

    Paul was früher als erwartet aus Europa zurückgekehrt. Aus dem großen Krieg. Seine Einheit war dort geblieben, doch er durfte schon nach Hause zurück. Er wusste nicht warum, vielleicht war es ein Fehler. Sei’s drum, er war froh, es hinter sich zu haben. Jetzt konnte er wieder nach vorne schauen, Pläne machen und an eine Zukunft denken.
    Er freute sich darauf, seine Familie wiederzusehen. Seine Eltern und seine Geschwister, die er seit drei Jahren nicht gesehen hatte. Sie hatten zwar regelmäßig geschrieben und auch das eine oder andere Foto geschickt, aber es war Zeit. Zeit, zurückzukehren und sie alle wiederzusehen. Seine Familie und… Jenny. Ja, Jenny. Auf sie freute er sich besonders. Seine große Liebe. Sie kannten sich seit der High School und wurden ein Paar als der Krieg in Europa schon losgegangen war. Als noch keiner wissen konnte, dass sich Japan für einen Ort namens Pearl Harbour interessieren würde. Ein Interesse, das Pauls Leben dramatisch verändern sollte.
    Er hatte damals alles so schön geplant. Sich ausgemalt, wie er die Frage stellen würde. Ja, diese eine, große Frage. Er war sich sicher, dass Jenny „ja“ sagen würde; trotzdem wollte er alles so planen, dass der Moment für beide eine schöne Erinnerung sein würde. Eine, an die sie in vielen Jahren noch zurückdenken würden, während sie ihren Enkelkindern beim Spielen im Garten zusahen. Damit wirklich alles gut ginge, hatte er sogar heimlich einen Tanzkurs besucht. Jenny liebte es zu tanzen, doch er hatte zwei linke Füße. Egal wie oft sie es ihm auch erklärt hatte, es schien nicht zu klappen. Aber für sie wollte er es lernen und so ging er Woche für Woche, Monat für Monat heimlich in einen Tanzkurs und wurde, wenn schon kein guter Tänzer, dann zumindest einer, mit dem Jenny ihre Freude haben würde.
    Alles war bereit für den großen Tag. Er hatte sie eingeladen, aber nicht gesagt, wohin sie gehen würden oder was sie machen würden. Sie war neugierig, aber trotz ihrer vielen Fragen, hatte er nichts verraten. Doch dann, ja, dann passierte es: die Japaner griffen Pearl Harbour an und auf einmal war alles anders. Wie gebannt saßen sie alle vor den Radiogeräten und trauten ihren Ohren nicht. Das Land war auf einmal im Krieg und es war klar, dass Paul einrücken müsste.
    Alle Pläne waren wie ausgelöscht. Tief drinnen war Paul klar, dass er nicht zurückkommen würde. Welchen Sinn machte es da, noch an eine gemeinsame Zukunft mit Jenny zu denken? Sie blieben natürlich in Kontakt, schrieben sich viele Briefe und er hatte sich geschworen, trotz aller Hoffnungslosigkeit für sie tapfer zu bleiben. Und dann, ja dann, war auf einmal alles anders: sein Vorgesetzter rief ihn zu sich und erklärte ihm, dass er heimgeschickt würde. Warum wusste niemand, aber die Papiere waren eindeutig: für ihn war der Krieg zu Ende.
    Alles ging so rasch, dass er nicht einmal Zeit hatte, einen Brief zu schreiben oder seine Rückkehr anzukündigen. Mit einem Lächeln im Gesicht dachte er sich, dass er alle überraschen würde. Seine Familie, vor allem aber Jenny. Und auf einmal war die Zuversicht wieder da; und die Erinnerung an seinen großen Plan. Warum sollte er ein paar Jahre später nicht funktionieren? Es gab nur ein Problem: er konnte nicht mehr tanzen.
    Auf der Überfahrt kam er mit einem anderen Soldaten, Steve, ins Gespräch, der ihm von seinem Bruder erzählte. Dieser wäre früher einmal Tanzlehrer in New York gewesen und würde ihm sicher helfen wollen. Gleich nach der Ankunft führte Steve ihn zu seinem Bruder. Die letzten Jahre waren schwierig gewesen für ihn. Wer wollte schon tanzen, wenn Krieg war? Die Tanzschule gab es nicht mehr und er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Die meiste Zeit verbrachte er mit Tina, seiner Freundin, in einem schäbigen Lokal. Es war zwar alles ein wenig trist, doch wenigstens gab es dort ein Klavier und ein anderer Stammgast spielte dort regelmäßig. Den meisten war dies egal, doch Jake, Steves Bruder, und Tina liebten die Musik und tanzten gerne dazu.
    An diesem Tag jedenfalls, brachte Steve einen ehemaligen Soldaten zu Jake und erzählte ihm dessen Geschichte. Nach der Freude über die Rückkehr seines Bruders hatte er eigentlich keinen Kopf für eine Tanzstunde, doch Pauls Geschichte berührte ihn und ließ in ihm wieder Hoffnung aufkommen. Wenn alles für Paul und Steve gut ausgegangen war, dann konnte es auch für andere, für ihn gut ausgehen. Und, falls doch nicht, so wollte er zumindest mithelfen, dass für Paul alles klappte.
    Kurzerhand stand er also auf, bat den Klavierspieler um langsames Stück und schnappte Paul bei den Händen. Dieser wusste nicht, wie ihm geschah und fand es auch ein wenig seltsam, mit einem Mann zu tanzen. Doch dann sah er Jenny vor sich und all die gemeinsamen Träume fielen ihm wieder ein. „Was soll’s!“, dachte er sich, „dann tanze ich eben mit einem Mann. Hauptsache, ich kann es wieder“.
    Sie tanzten die ganze Nacht durch, lachten und sangen miteinander und ließen sich im Augenblick fallen. Müde, aber glücklich, fuhr Paul am nächsten Morgen zur Grand Central Station und stieg in den Zug nach Iowa ein und freute sich schon darauf, alle wiederzusehen. Vor allem aber freute er sich auf Jenny und den ersten Tanz mit ihr.

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