Gelesen: EIN UNTADELIGER MANN von Jane Gardam

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Dass Isabel Bogdan über Menschen im allgemeinen und den Pfau im besonderen ganz wunderbare Geschichten schreibt, weiß ich ja schon. Aber sie ist nicht nur Autorin, sondern auch Übersetzerin, und zwar unter anderem von  Jane Gardams Buch EIN UNTADELIGER MANN. Und um das geht es heute.

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann, übersetzt von Isabel Bogdan

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann, übersetzt von Isabel Bogdan

Schon der Schutzumschlag gibt die Richtung vor: Ein kariertes Pullovermuster, das genau zum deutschen Titel passt, der anders als der englische Titel „Old Filth“ (ein Spitzname des Protagonisten) die Hauptfigur als untadeligen Mann ausweist. Und genau so stellt er sich anfangs auch dar: Edward Feathers war ein geschätzter Kronanwalt in Hongkong und verbringt jetzt seinen Lebensabend in England. Er ist ein pragmatischer Mensch, so scheint es, wenn seine Erinnerungen wie kleine und größere Nebelschwaden an ihm vorbeiwabern. Erinnerungen an das Ausgestoßensein als kleiner Raj-Waise (das waren britische Kinder, die in den britischen Kronländern Südostasiens geboren wurden), die Kälte des Vaters, die Sehnsucht nach einer Mutter, die engste Jugendfreundschaft, das berufliche Straucheln und die Erfolge, die Liebschaften und die Ehe.

Jane Gardam verwebt mit Leichtigkeit die Jahrzehnte von der Kindheit Edwards in Malaysien über die Schulzeit in England bis hin zum Erfolg als Anwalt in Hongkong. Während Edward Feathers seine Erinnerungen Stück für Stück hervorholt, um Bilanz zu ziehen – die untadeligen, und sukzessive auch die weniger makellosen – setzen wir sie beim Lesen zu einem langen Leben zusammen, bis sich am Ende ein Bild ergibt, das man anfangs nie vermutet hätte. Die Schlichtheit, mit der dieses doch sehr komplexe Gewebe aus Zeitebenen, Informationen und überraschenden Zusammenhängen daherkommt, beeindruckt mich immer noch.

Eigentlich war es für mich beim Lesen so, als würde ich dabei zusehen, wie ein Gemälde entsteht – über die ersten Striche auf der weißen Leinwand, bis man eine leichte Ahnung bekommt, was da gemalt wird, aber dann kommt doch wieder eine Schicht Farbe drüber, und noch eine, bis am Ende etwas entstanden ist, mit dem man nicht gerechnet hat (oder das man sich nicht vorstellen wollte, bis die eigene Erwartung übertölpelt wurde).

Und dann ist da noch die Sprache. „Mrs Ingoldby schrieb auch gelegentlich zurück, ihre Schrift sah aus, als wäre eine sehr kleine Spinne über das dicke Papier getaumelt und am Ende bei der blassen Unterschrift verstorben.“ (Übersetzung Isabel Bogdan, das sei hier bitte nochmals erwähnt.) Der Spinnensatz hat sich mir eingebrannt. Klar, es gibt gehaltvollere, emotionalere Sätze im Kontext der Geschichte. Aber dieser Satz zeigt so schön das Leichte, Spielerische, mit dem mich Jane Gardam verführt hat, um mir dann plötzlich wieder auf gut Wienerisch das Hackl ins Kreuz zu hauen. Und nebenbei habe ich noch schöne Worte aufgesammelt. „Fidibus“ zum Beispiel. Hach.

EIN UNTADELIGER MANN ist Teil einer Trilogie, und bereits im März 2016 kommt der zweite Band heraus. In EINE TREUE FRAU wird es um Betty gehen, die Frau von Edward Feathers. Auch dieser Band wird von Isabel Bogdan übersetzt sein, und ich freue mich schon sehr darauf.

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann. Roman, übersetzt aus dem Englischen von Isabel Bogdan. 352 Seiten, Hanser Berlin.

 

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Comments 2

  1. kaltmamsell

    (Pst: Old Filth hat seinen Altersruhesitz ganz sicher nicht in Wales gewählt – zu viele böse Kindheitserinnerungen. Die Donheads liegen in Wiltshire, England.)

  2. Post
    Author
    Ines

    Ohneinohnein! Vielen Dank für die Korrektur, ist geändert. (Das kommt davon, wenn man die Rzensionen nicht sofort schreibt, sondern mit einer Woche Verspätung. Da legt sich gleich so ein Nebel über die wichtigen Details. Danke nochmal.)

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