Gelesen: Daniel Wisser „Kein Wort für Blau“ – mit Podcast

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Daniel Wisser: Kein Wort für Blau, Klever Verlag 2016

Daniel Wisser: Kein Wort für Blau, Klever Verlag 2016

Dass die Texte in Daniel Wissers aktuellem Buch „Kein Wort für Blau“ überhaupt auf Papier gedruckt wurden, hat mich überrascht. Denn eigentlich existieren sie nicht. Also zumindest nicht schriftlich. Sie sind nämlich für verschiedene Bühnenperformances entstanden. Ich kann mich erinnern, dass Daniel und ich uns einmal darüber unterhalten hatten, wie das überhaupt zu nennen sei, dieser Textvortrag, der ganz sicher keine Lesung ist, und den es nirgends gibt außer in seinem Kopf, und dann nur sporadisch ausgesprochen während des Auftritts auf der Bühne. Schwierig. Jedenfalls wurde sein letzter Auftritt als „Textperformance“ angekündigt, und das trifft es meiner Meinung nach sehr genau.

Jetzt sind die Texte aber doch als Buch erschienen. In kleinen Vignetten mit maximal acht oder neun Sätzen werden da absurde Begebenheiten erzählt; oft sind es Fakten aus vergangenen Zeiten, bei denen ich mir aber nie ganz sicher bin, ob es nicht doch bloß herbeifantasierte Legenden sind. Wie der Text „Baum“, über die Expedition des Ludwig Leichhardt, die beim Versuch der Durchquerung der australischen Wüste verschwand, ebenso wie die daraufhin losgeschickte Suchexpedition, und die Jahre später ausgesandte weitere Expedition. In Daniel Wissers Text wird diese Merkwürdigkeit fast nüchtern aufgeschrieben, und gerade deshalb sticht die Absurdität der in der Tat faktenbasierten Situation noch stärker hervor.

Genau dieses Absurde mag ich auch so sehr an Daniels Texten. Es sind die kleinen Randbemerkungen der großen geschichtlichen Ereignisse, die kleinen Nachrichten aus dem Chronikressort eine alten Zeitung, oder selbst erlebte Dinge, die Daniel Wisser hier aufzeichnet und verarbeitet. Und gerade diese teilweise fast schon banalen Dramen sind es, die mich umso stärker faszinieren, weil ich aus Gründen von Berufskrankheit (Filmdramaturgie, my ass) meistens das große Drama erwarte.

Für die dritte Episode meines Podcasts „schreiben.hören“ habe ich mich mit Daniel Wisser im Café Heumarkt getroffen, wo wir uns über den Übergang seiner Kurztexte von mündlich entstandenen zu schriftlich existenten Texten unterhalten haben, und über viele andere Dinge. Besonders ist mir Daniels Erzählung über die japanischen Tuschezeichner in Erinnerung geblieben, die den Berg Fuji in ihrem Leben 1000 mal zeichnen dürfen. Aber das bedeutet nicht, dass sie es 999 mal üben, um es dann beim 1000. mal „richtig“ hinzubekommen, sondern dass jede Zeichnung zählt. Das erinnert mich übrigens an das Seminar bei Heinrich Steinfest, das ich neulich in der Schule für Dichtung belegt hatte. Nach dem ersten Nachmittag habe ich ihn nach seiner Schreibmethode gefragt, also ob es so etwas gäbe wie Texte, die ihm helfen, in die Figuren hineinzufinden. Und er mir sehr bestimmt geantwortet hat, dass jedes Wort von Anfang an zähle. Es gäbe kein Üben, keine Probe. Quasi: Schreiben ist immer Schreiben. Was mir ein bisschen Angst gemacht hat. Aber vielleicht sollte ich den Wink mit dem Zaunpfahl endlich einmal wahrnehmen und es einfach mal so richtig konsequent fortführen, das mit dem Schreiben.

Aber ich schweife ab, wobei das ja auch eine eigene Kunst ist, wie Daniel mir in dem Interview für den Podcast erzählt hat, besonders wenn es gelingt, sich innerhalb weniger Sätze in ein anderes Thema zu verlieren. Aber jetzt genug geschrieben, es wird Zeit zum Hören.

Hier ist die dritte Episode meines Podcasts „schreiben.hören“, dieses Mal mit dem Autor Daniel Wisser. Viel Vergnügen!

p.s.: Hier gehts zu den tollen „Randnotizen“, die Daniel zur Zeit für den Steirischen Herbst schreibt.

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