Der #aufschrei und das Geschichtenerzählen

9 Comments

(Achtung, das wird jetzt lang, holt euch besser mal eine Tasse Kaffee oder Tee. Aber ich habe da ein Anliegen…)

Wahrscheinlich ist es euch nicht entgangen, dass in den letzten Tagen hierzulande eine Debatte über Sexismus geführt wurde. Auslöser dafür war ein Twitterdialog über erlebten Alltagssexismus zwischen Anne Wizorek und Nicole von Horst, dem tausende Tweets mit Kurzberichten über ähnliche Erlebnisse folgten, die man unter dem Hashtag #aufschrei auf Twitter finden kann.

Es folgten zahlreiche Reaktionen, zustimmende und abwehrende; von Frauen und Männern, die sagten „wer sich nicht wehren kann, ist selber schuld“, bis zu Frauen und Männern, die selbst betroffen waren oder eben auch nicht, und die realisierten, dass hier Dinge geschehen, die ihnen vielleicht nicht passieren, aber von denen sie nicht wussten, wie massiv sie vorhanden sind, und die darüber bestürzt waren.

Es möge sich bitte jeder selbst eine Meinung bilden. Anke Gröner hat in diesem Posting viele Artikel zusammengefasst; wer sich einlesen will, ist dort gut versorgt.

Aber warum schreibe ich hier im Scriptalicious-Blog darüber? Weil es mir um einen weiteren Aspekt geht. Also, eigentlich um zwei Aspekte. Der eine ist der, wie man mit sexistischen Handlungen im Berufsalltag umgeht. Der andere ist der, wie wir als AutorInnen, DramaturgInnen, RedakteurInnen möglicherweise sexistische Szenen in Drehbüchern zulassen, ohne dass wir es merken bzw. wie wir damit umgehen.

Zu Nummer eins halte ich mich kurz und erwähne einige Beispiele, die mir in den letzten Jahren passiert sind:

  • Der Regisseur, der auf einer Filmparty einen Witz erzählt, dessen Pointe darin mündet, den neben ihm stehenden Frauen auf den Busen zu greifen.
  • Der Visual Consultant, der gegen Ende der Besprechung zu mir völlig aus dem Nichts heraus sagt „You need a boyfriend“, offenbar weil er findet, dass ich mich für seinen Geschmack in der Besprechung zu ernst verhalten hätte.
  • Der Autor, der sich im Besprechungsraum umschaut, mich da sitzen sieht und sagt „Ich setz mich neben das Mädel“ (ihm war meine Position als Dramaturgin bekannt, ich trug kein Kleidchen, sondern schwarze Hosen, eine schwarze Bluse, eine schwarze Brille und war zu dem Zeitpunkt über 30 Jahre alt. Er hat mich dann die ganze Besprechung hindurch ignoriert.)
  • Der Produzent, der neben mir steht und zur Sekretärin „Mausi“ sagt und sich über ihre Urlaubspläne lustig macht.

Und so weiter, und so fort.

Leider muss ich gestehen, das ich meistens entweder zu baff bin um schlagfertig zu reagieren, oder dass ich nicht weiß, wie die angemessene Reaktion ist, wenn jemand neben mir steht und sich gegenüber einer anderen Person sexistisch verhält. In beruflichen Situationen geht es nun mal auch um Diplomatie, und ich finde ich legitim, dass ich kurz nachdenke, welche Konsequenzen es hat, z.B. einen Auftrag zu verlieren, wenn ich mich hart und sehr deutlich wehre und jemanden vor den Kopf stoße (selbst wenn es die einzige angemessene Reaktion wäre). Ich bin noch immer dabei, hier Lösungen für mich zu finden.

Das zeigt aber auch sehr gut, worum es bei Alltagssexismus wirklich geht, und wieso die Aktion #aufschrei für mich so wichtig ist: Es geht fast nie um bloße Befindlichkeiten, nicht um kleine Scherze, die man so oder so auslegen kann, sondern es geht meiner Erfahrung nach immer um Machtdemonstrationen, ob bewusst oder unbewusst. Das ist der Subtext, der in den Fällen, die ich als sexistisch empfinde, darunterliegt. Und das macht es für mich noch unangenehmer als es ohnehin schon ist.

Klar gibt es jetzt Männer, die sich aufregen: Man dürfe ja gar keine Komplimente mehr machen, die Frauen sollen sich nicht unnötig aufregen etc.pp.
Kleiner Tipp:  Überlegt mal ehrlich(!), wie ihr reagieren würdet, wenn das, worum es gerade geht (hinterherpfeifen, zweideutige Bemerkung machen, ein fragwürdiges Kompliment machen, Kosenamen geben, unaufgefordert ein Urteil darüber abgeben, ob die Frau es nicht doch nötig hat gefickt zu werden etc.) ein (fremder) Mann bei eurer Frau/Schwester/Tochter/Mutter machen würde. Würdet ihr das als lustig/nicht der Rede wert/ein kleines Missverständnis abtun? Soviel dazu.

Das wäre also Punkt eins.

Jetzt zu Punkt zwei, und da kann ich konkreter werden:

Unser Job ist es, Geschichten zu erzählen. Diese Geschichten bilden mal mehr, aber oft weniger die Realität ab, bzw. schaffen sie oft eine Wunschrealität, die sich besonders in der Beschreibung von Beziehungen an Klischees hält und dadurch gesellschaftliche Ideologien zementiert, anstatt sie herauszufordern. Das ist meiner Erfahrung nach einfach Usus bei einem gros der deutschsprachigen TV-Produktionen.

Und ich gebe es selbst zu – der Großteil der Projekte, bei denen ich Dramaturgie gemacht habe, fällt durch den Bechdel-Test (Fußnote: Ich habe hier schon mal über den Bechdel-Test geschrieben). Und ich war schon öfters in Situationen, wo ich eine andere Perspektive eingefordert habe, mich aber letztlich einfach nicht durchsetzen konnte.

Wäre ich konsequent, würde ich nur die Projekte annehmen, die dem Bechdel-Test standhalten, aus allen anderen aussteigen, und mein Geld anderswo verdienen. Aber ich mag meinen Beruf nach zehn Jahren immer noch so gerne, dass ich ihn nicht eintauschen will.

Was kann ich trotzdem tun? Ich fordere zum Beispiel oft starke (oder stärkere) Frauenfiguren ein. Ich hinterfrage, wieso es in einer Geschichte nur eine Frau mit wenig Szenen gibt, aber fünf Männer, die dauernd etwas zu sagen haben. (Manchmal ist es richtig so, manchmal eben aber nicht und man kann etwas viel Interessanteres erzählen, wenn man es ändert.) Ich versuche dabei immer aus der Geschichte und aus den Figuren heraus zu argumentieren.

Ein Beispiel, wo es mir leider nicht gelungen ist:
Wir haben eine Geschichte mit einer starke junge weibliche Nebenfigur. Sie ist als junge Frau eingeführt, die weiß was sie will, schlagfertig ist und sich durchsetzen kann. Dann kommt eine Szene, in der sie mit einem jungen Mann, der ihr sehr gefällt, im Auto über eine kurvige Küstenstraße fährt. Es schaut sie an und sagt mit einem anzüglichen Unterton „Aber deine Kurven sind noch viel schöner als die hier.“ Sie findet das Kompliment offenbar gut, weil sie im Dialog und auch danach nichts antwortet und nicht reagiert (außer dass es ihr nonverbal gefällt).

Für mich war die Nicht-Reaktion der jungen Frau völlig „out of character“ – so wie die Figur angelegt war, hätte sie auf so einen Satz etwas Schlagfertiges geantwortet, die Situation umgedreht… was auch immer, aber sie hätte sicher nicht anhimmelnd geschwiegen.

Das habe ich auch in der schriftlichen Drehbuchanalyse so argumentiert. Woraufhin ich vom Regisseur zu hören bekam, dass die Frauen, die er kenne – und das wären sehr viele – vor ihm auf Knien rutschen würden, wenn er ihnen so ein Kompliment machen würde. (Ich wusste nicht, was ich darauf noch antworten sollte und hielt mich fürderhin von der Gegenwart dieses Menschen fern.)

Anderes Beispiel, anderes Drehbuch:
Wieder eine Dialogszene im Auto; der Mann signalisiert der Frau sehr direkt, dass er findet, dass sie wieder mal gevögelt werden soll, weil Frauen die Sex haben entspannter seien. Aber sie ist schlagfertig und macht ihn sofort auf, sie weiß die Situation umzudrehen, und die Szene hält eine großartige Balance zwischen Konflikt, Humor und vor allem Status der beiden Figuren, der immer wieder kippt.

Nie im Leben würde ich auf diese Szene verzichten wollen. Der Autor weiß hier, wie er zwei starke Figuren aufeinanderprallen lässt, wie er deren Status in der Szene führt, sodass keiner gedemütigt wird, sondern man Spaß am Schlagabtausch hat, und wie er das ganze noch dazu mit einer Prise Humor hinbekommt, ohne jemals respektlos oder „schmierig“ zu sein.

Wie immer kommt es also auf den Kontext an, und da sind wir gefragt: Wir müssen lernen zu erkennen, wo tradierte Muster zementiert werden, und wie sie aufgebrochen werden können. Nichts wäre schlimmer als jeden Dialog über Sex, jeder zweideutige Kompliment zwischen Figuren zu zensieren.

Aber mir ist es wichtig, dass wir sehr genau hinschauen, wie Männer mit Frauen (und auch Männer mit Männern, und Frauen mit Frauen) in unseren Geschichten agieren. Denn auch wenn wir sagen „Das ist ja nur Fiktion“, senden wir Bilder aus, die beim Zuseher etwas auslösen – genaugenommen wollen wir ja immer etwas auslösen, sonst haben wir unseren Job nicht gut gemacht.

Einges kann man auch ändern, wenn man mitten im System steckt. Ich hinterfrage oft Figuren sehr genau, ich lege sie sozusagen auf die Therapiecouch, da erzählen die einem ja oft die spannendsten Dinge. Denn nicht für jede weibliche Hauptfigur ist der Hafen der Ehe das ultimative Glück, auch wenn das die Reißbrettformeln vieler TV Movies (und auch immer noch die Redaktionen dahinter) annehmen. Und nicht jeder Mann will der starke Macker mit Bilderbuchkarriere sein.

Die Antwort auf die Frage, was die Figuren wirklich im Innersten antreibt, wovon sie heimlich träumen, was sie glauben kompensieren zu müssen, die bringt uns nicht nur zu individuelleren, realistischeren Figuren (also zu Menschen anstelle von klischierten Typen), sondern die verhindert auch oft sexistische Handlungen in den Geschichten. Und wenn es doch einmal vorkommt, kann man wunderbar damit spielen, indem man es benutzt, um zu zeigen, wie man darauf regieren kann. Oder auch wie schwer es ist zu reagieren, auch wenn es einen verletzt. Oder wie es ist, wenn das Gegenüber einmal ein „Nein“ als „Nein“ akzeptiert – oder eben wieder einmal nicht.

Denn das, was wir schreiben/lektorieren/inszenieren, hat unweigerlich eine Botschaft. Und die Botschaft hat es auch auf Kinder und Jugendliche, die die Filme sehen oder die Videogames spielen oder die Musikvideos anschauen.

Deswegen möchte ich euch zum Schluss bitten, euch 12 Minuten Zeit zu nehmen, um euch diesen TED Talk mit Colin Stokes anzuschauen. Es geht unter anderem darum, wie Bilder z.B. von Maskulinität in Filmen und Videospielen die Definition von „Männlichkeit“ beeinflussen, und wie das mit den Statistiken über Sexismus in Amerika zusammenhängt.

Unterzieht eure Drehbücher dem Bechdel-Test. Lasst sie von Leuten lesen, von denen ihr wisst, dass sie genau hinschauen und ein gutes Gespür dafür haben, wie Menschen interagieren. Lasst die Geschichte, die ihr schreibt/lest/betreut auch von Menschen lesen, die nicht euer Geschlecht haben (bei manchen Dingen ticken Männer und Frauen tatsächlich unterschiedlich). Hinterfragt eure Figuren, ihre Handlungen, ihre Motivationen. Und eure Motivationen gleich mit, es ist nie falsch, mehr über sich selbst zu erfahren.

Ich selber scheitere zu oft am Zeitdruck, oder daran, dass ich nicht gehört werden kann, weil das System nicht so funktioniert, oder an den ganzen anderen Zwängen, denen Filmproduktionen nunmal unterliegen. Aber grundsätzlich sollte das alles selbstverständlich zum guten Drehbuchhandwerk gehören, finde ich. Also, lasst es uns zumindest immer wieder versuchen.

Ich erhoffe mir dadurch nicht nur ein weniger sexistisches Menschenbild in den Filmen, die wir machen, sondern interessantere, tiefergehende Konflikte und differenziertere Erzählungen. Und das lohnt sich immer, auch wenn man dafür ein wenig kämpfen muss.

Share this Post

InesDer #aufschrei und das Geschichtenerzählen
Die Branche


Comments 9

  1. Sarah

    Danke, danke, danke für diesen Beitrag – du kannst dir nicht vorstellen, was für Diskussionen ich zu dem Thema in Drehbuchbesprechungen schon hatte.
    (Nicht mit meinem Co-Autoren, der ist der Hinsicht ganz wunderbar.)
    Ich erinnere mich da beispielsweise liebevoll daran, wie uns aus einem weiblichen Bodyguard ein männlicher gemacht wurde, mit der schlichten Begründung, soviele bewaffnete Frauen in einem Film seien unrealistisch. Ah, geh. Oder ein anderes Mal, wo uns erklärt wurde, dass wir eine weibliche Respektsperson um zwanzig Jahre älter machen würden, weil eine junge Frau ’so eine Autorität nicht ausstrahlen kann‘. Wenn die Figur ein Y-Chromosom gehabt hätte, ich schwöre, die Frage wäre nie aufgekommen.(Da haben wir uns dann aber durchgesetzt. Muhahahar.)

    Und einmal hatten wir da ein Projekt, von dem wir heute noch als ultimatives Beispiel in dieser Sache schwärmen. Wir waren damals noch ganz neu in der Branche und haben uns sehr geehrt gefühlt, als jemand mit uns ein Serienprojekt entwickeln wollte. Haben wir dann gemacht und unseren Entwurf abgegeben, besonders stolz waren wir auf eine der Antatonistinnen.
    Bei uns war das eine bissige, unglückliche, grausame, trotzdem Leute liebende Figur, die die daran leidet, dass sie immer aus versehen die verletzt, die sie liebt.
    Nun, das war anscheinend nicht publikumstauglich, also hat man* uns unseren Entwurft umgeschrieben.

    In der Version, den wir auf den Schreibtisch geknallt bekamen, stand zu der Frauenfigur nur noch ein Satz.

    „Blond, blöd, großbusig.“

    Ich muss wahrscheinlich nicht dazusagen, dass mein gnä Herr Co-Autor und ich daraufhin das Projekt abgebrochen haben.

    Und was Punkt 1 angeht, den Müll, den man da so im Berufsalltag erlebt…da hab ich aber herausgefunden, dass es sehr hilft, wenn man a) Krimis schreibt und b) folglich ein recht ausgiebiges Fachwissen zu grausigen Themen hat. Wenn mir also jemand blöd kommt („Sie sind doch so ein nettes, wohlerzogenes Mädchen – warum schreiben Sie so etwas Grausames?“**), dann schaff ich es meistens recht schnell eine Möglichkeit, etwas davon in die Unterhaltung einfließen zu lassen. Die meisten Leute sind nämlich ziemlich schnell ruhig, wenn das ’nette, wohlerzogene Mädchen‘ grade die verschiedenen Stadien der Verwesung aufgezählt hat oder freundlich lächend darüber referiert, in welchem Winkel ein Stilett eindringen muss, um das Herz zu treffen. Erstaunlicherweise sind die Herren der Schöpfung danach wesentlich zurückhaltender mit blöden Kommentaren…

    *ich nenn dir den namen mal im Privaten
    **Originalzitat.

  2. Janina W.

    Die Diskussion hat schon jetzt zu einem Fortschritt geführt: Der Name des Täters wird selbstverständlich überall genannt. Obwohl Brüderle selbst keine Stellungnahme abgegeben hat und obwohl die Autorin keine Zeugen benannt hat. Früher hätte man ihr dann nicht geglaubt, man hätte Beweise verlangt (wobei ihre eigene Aussage nicht als Beweis gegolten hätte). Wenn überhaupt berichtet worden wäre, dann über “einen bekannten FDP-Politiker”. Doch das ist vorbei. Dem Opfer wird geglaubt. Eine Hotelbar ist kein Schutzraum für Täter mehr. Und die Diskussion hat jetzt auch schon andere Frauen ermutigt, an die Öffentlichkeit zu gehen und die Täter zu nennen: http://deraufschrei.wordpress.com/2013/01/27/endlich-werden-die-tater-genannt/

    Vielleicht muss auch der Regisseur, der Autor, der Produzent sich Sorgen machen, dass sein Alltagssexismus öffentlich wird?

  3. erz

    Völlige Zustimmung. Ich möchte (als Mann) nur auf ein Argument eingehen, das immer wieder angeführt wird, wenn über Geschlechtergrenzen hinweg um Solidarität gerungen wird:

    „Kleiner Tipp: Überlegt mal ehrlich(!), wie ihr reagieren würdet, wenn das, worum es gerade geht (hinterherpfeifen, zweideutige Bemerkung machen, ein fragwürdiges Kompliment machen, Kosenamen geben, unaufgefordert ein Urteil darüber abgeben, ob die Frau es nicht doch nötig hat gefickt zu werden etc.) ein (fremder) Mann bei eurer Frau/Schwester/Tochter/Mutter machen würde. Würdet ihr das als lustig/nicht der Rede wert/ein kleines Missverständnis abtun? Soviel dazu.“

    Ich und fast alle anderen (weißen Hetero-) Männer mussten sich mangels Erfahrung niemals, wirklich niemals, vorstellen, ob auf einen Flirtversuch oder schlimmer, eine plumpe Anmache, ein Übergriff folgt. Sowenig wie wir uns also qualitativ in die Lage versetzen können, in der Frauen eine dementsprechend geprägte Disposition zu Hinterherpfeifen und ähnlichem Emfpinden, so wenig können wir einen solchen Perspektivwechsel auf Zuruf hin vollziehen.

    Ich hoffe natürlich stark, dass die meisten Männer wenigstens so viel Empathie für ihnen nahestehende Frauen empfinden, dass sie die Machtspiele entlarven, die im Pfeifen mitspielen und ein ungutes Gefühl bekommen. Aber leider geht es bei nicht wenigen nicht einmal so weit. Da kommt von so manchem Vater noch ein „stell dich nicht so an.“

  4. Rafael Woitzuck

    Weil es mich in der #aufschrei Debatte so unendlich nervt: Es geht doch nicht um die Frage nach der „Stärke der Frau“ sondern um die Gleichwertigkeit eben jener und diese ergibt sich nun mal nicht aus den individuellen Attributen der einzelnen Frau und kann demnach auch nicht in einem stetigen Macht- & Konkurrenzkampf erworben werden.

  5. Weird

    Sehr guter Artikel, finde ich. Du bringst ein paar sehr wichtige Sachen auf den Punkt.

    Viele Grüße
    Weird

  6. Razorback

    Danke für den Artikel und danke für den Film!

    Zum Thema #aufschrei: Das ist eine endlich notwendige Diskussion und ich halte sie nicht einmal für eine Gratwanderung. Natürlich gibt es Einzelfälle, bei deren Schilderung ich (Mann) mich frage, ob Flirten hier generell verboten werden soll und natürlich nutzen manche Frauen die Debatte für offenen Sexismus gegen Männer, aber nach allem was ich beobachte sind das Ausnahmen (die natürlich gerne aufgebläht werden). Generell finde ich gut, dass der #aufschrei statt findet – gut auch, weil ich zwei Töchter habe und die Frauen, die heute twittern, ihnen damit in einigen Jahren vielleicht helfen.

    ABER: Es ist für den #aufschrei unsäglich und schädlich, dass er mit der Brüderle-Geschichte verbunden ist. Da geht es nämlich um einen Vorfall, der vor Monaten statt gefunden hat und der jetzt rein zufällig zu einem Zeitpunkt öffentlich geworden ist, von dem alle Welt dachte, Brüderle würde da neuer FDP-Vorsitzender sein. Das ist interessengeleiteter Journalismus, und es geht nicht um die Interessen der Frauen oder auch nur der Redakteurin, die betroffen war. Wäre es darum gegangen, wäre der Artikel schon vor Monaten erschienen, denn Brüderle war damals schon Minister und Dirty Old Men sind auch nicht erst jetzt aufgetaucht. Diese Verquickung schadet der notwendigen Debatte fürchterlich, finde ich.

    (Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich will Brüderle nicht verteidigen und die FDP ist mir unglaublich unsympathisch, aber alleine, dass ich das sagen muss, wenn es doch eigentlich um Gender-Themen und Sexismus geht, zeigt, dass etwas falsch gelaufen ist.)

    Zum Sexismus im (Dreh)Buch:

    Ich selbst bin Romanautor und kenne den Arbeitsalltag einer Drehbuchautorin nur aus den spannenden und verstörenden Erzählungen einer (allerdings sehr guten) Freundin. Ihr unterliegt mit Sicherheit stärkeren Zwängen als ich, Lektorat hin, Verlagsprogramm her (dafür bekommt Ihr aber auch mehr Geld ;-p ) und könnt Eure Vorstellung seltener durchsetzen. Von daher würde ich an Deiner Stelle weniger mit mir hadern, wenn ich ein Projekt, an dem Du mitwirkst, den Bechdel-Test nicht besteht. Wenn Du Dein Bestes dafür getan hast, dass es ihn besteht, dann hast Du Dein Bestes getan und solltest stolz darauf sein. Es ist Euer Schicksal, dass Eure Geschichten letztlich als Werk des Regisseurs gelten, und das Eure Kontrolle begrenzt ist (dafür bekommt Ihr aber auch… egal :-D ). Und immerhin hast Du einen Autor dazu gebracht, dass er an seine Romane fortan den Bechdel-Test anlegt (bisher bestehen sie ihn, puh).

    Etwas VÖLLIG anderes ist es mit den Dialogszenen, die Du oben nennst. Wobei die erste (Kurven) die Figur eigentlich nur als Primitivling denunziert und einiges über die Wunschträume des Regisseurs offenbart.
    Nummer zwei allerdings (Frau muss mal wieder gevögelt werden) sollte kein Anlass für eine launige Replik der Heldin sein, sondern für einen Schlag in die Visage.

    Aber was mich wirklich schockt ist, dass solches Benehmen offenbar als für Männer „normal“ gilt, selbst bei vielen Frauen. Nein, das ist nicht normal!!! Das ist weder normal im Sinne von „Männer sind halt so, lebt damit“ noch im Sinne von „Männer sind halt so, wir müssen sie umerziehen“. Ich bezweifle gar nicht, dass es viele Männer gibt, die so reden und handeln. Ich bezweifle nur ganz entschieden, dass es die Mehrheit ist. Es ist eine laute Minderheit.

    Als ich noch jung und schnell war, war ich Teil eines Ausbilder(innen)teams in Frauen-Selbstverteidigung. Zu Beginn dieser Zeit (Mitte der 90er) mussten wir die Frauen (!!!) noch oft davon überzeugen, dass es ihr gutes Recht ist, Miniröcke und körperbetonte Kleidung zu tragen und dass so etwas mitnichten in jedem (oder fast jedem) Mann einen Vergewaltigungsreflex auslöst, gegen den er sich nicht wehren kann. Zehn Jahre später mussten wir diese Erklärung kaum noch abgeben. Und jetzt lese ich, dass Männer wieder „eben so sind“ und Frauen deshalb hinnehmen müssen, dass man ihnen erklärt, wann, warum und von wem sie durchgevögelt werden müssen.

    Und da sehe ich dann meine Verantwortung. In meinen Romanen wird kein Mann auftauchen, der – vom Anblick eines Tank-Tops getrieben – gegen seinen Willen eine Frau vergewaltigt. Und genauso wenig wird ein Sympath auftauchen, der eine Frau beruhigt, indem er sie mal eben durchvögelt (obwohl sie erst nicht wollte, höhöhö). Und das nicht, weil ich in pädagogischer Verantwortung handele, sondern weil ich keine Lust habe, unrealistische Figuren zu schreiben. Natürlich ist die Welt unserer Geschichten niemals objektive Realität, weil es eine objektive Realität sowieso nicht gibt. Aber wenn es diese subjektive Realität gibt, die ich kenne und die Ihr vielleicht auch kennt, in der 7 oder 8 von 10 Männern NICHT so sind, dann kann man diese Realität auch benennen.

    Und ich glaube, wenn man zu einem solchen Dialog sagt „Das ist nicht besonders realistisch, solche Gorillas gibt es doch immer weniger“, dann schlägt man den Kurvenregisseuren dieser Welt vielleicht doch das eine oder andere Argument aus der Hand. ;-)

  7. Nemo

    In Zukunft muss beim Geschichtenerzählen also darauf geachtet werden, dass es in die politische Agenda passt?

    Das ist der Weisheit letzter Schluss?

    Wie wäre es, für die Zukunft, mit mehr Inhalt und weniger Ideologie?

  8. Sarah

    Und was wäre dieser Inhalt, wenn nicht das, was wir über die Welt und die Leute drin erzählen? Egal, was für eine Geschichte ich schreibe, es wird dabei immer darum gehen, wie ich zu dem stehe, was auf der Welt passiert – da kann ich es auch gleich ordentlich machen. Das hat nichts mit Ideologie zu tun und alles mit gutem Storytelling.

  9. Post
    Author
    Ines

    Danke für eure Kommentare. Mir sind jetzt gerade noch so viele andere Aspekte eingefallen (Umsetzung von (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen in Bilder etc.), ich glaube, ich blogge da weiterhin darüber.

    Zur Frage, ob man solchen Figuren, die sagen „Ich finde, Frauen die Sex haben sind entspannter“ als sympathischer Charakter Raum geben soll: Ich finde schon. Denn es gibt sie m echten Leben. (Ob sie Hauptfigur eines Films sein müssen, ist diskussionswürdig, aber wenn wir nur nette Menschen haben, gibts schlichtweg keinen Konflikt. In dem Fall wäre es aber out of character, wenn der Typ was anderes sagen würde.) Würde die Frau, an die es gerichtet ist, ihm eine knallen, wäre das genau die Reaktion, die so einem Kerl als Bestätigung gilt, nach dem Motto „ha, ich wusste ja, dass du frigide bist“, zumindest wenn ich der Realität folge. (Ja, leider ist das das Dilemma.) Dem mit einem verbalen Schlagabtausch zu entgegnen, halte ich in dem Fall für die bessere Lösung. Aber ist ja jetzt schwierig drüber zu diskutieren, weil ihr das Drehbuch nicht kennt.

    Jendefalls: Vielen Dank für die vielen spannenden Kommentare bisher.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.