Die epische Lieblingspodcastliste

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Dass ich seit fast zwei Jahren hier nichts mehr über meine Liebe zu Podcasts geschrieben habe, und selbst gerade keinen produziere, heißt nicht, dass ich keine mehr höre. Im Gegenteil. Ich habe inzwischen so viele interessante Podcasts abonniert, dass ich mit dem Anhören nicht mehr hinterherkomme.

Weil über die Feiertage ein wenig mehr Zeit zum Nachhören ist, gibt es hier eine lange kommentierte Liste von meinen aktuellen Lieblingspodcasts. Vielleicht ist ja auch etwas für euch dabei. Podcasts aus meiner ersten Liste kommen hier nochmal rein, falls ich sie immer noch höre. Denn innige Liebe hast das verdient.

Mir fällt übrigens auf, dass ich nach wie vor fast nur Featurepodcasts höre, also solche, die einen dramaturgischen Ablauf haben und geschnitten sind. Reine Interviewpodcasts höre ich selten. Auch interessant. Wahrscheinlich kommt da die Dramaturgin und Geschichtenerzählerin in mir durch. Und ich höre immer noch fast ausschließlich Podcasts auf Englisch und kaum welche auf Deutsch. Obwohl ich das immer wieder zu ändern versuche, gelingt mir das kaum. Seltsam.

Die folgende Liste ist lang. Und Achtung: Sie ist natürlich sehr subjektiv, weil sie meinen persönlichen Interessen entspricht. Wer sich z.B. vorwiegend für Technikpodcasts in Interviewform interessiert, wird hier nichts finden. Aber vielleicht etwas Neues entdecken.

Weil es so viele Podcasts sind, habe ich sie grob nach Interessensgebieten und innerhalb dessen alphabetisch geordnet.

FIKTION

Life After/The Message
Ich suche in letzter Zeit vermehrt nach fiktionalen Podcasts, aber ich habe bisher nur einen gefunden, der mich wirklich gefesselt hat. „Life After“ und „The Message“ wurden vom selben Team produziert. Ihr findet beide Staffeln inzwischen unter dem Stichwort „Life After“ und könnt euch dann von hinten nach vorne zur aktuellsten Folge durchhören.
Was ich spannend finde: In beiden Staffeln geht es thematisch um etwas, das mit Audio-Botschaften zu tun hat, deswegen macht es auch so viel Sinn, sie als Podcast zu produzieren, und nicht als Roman oder Film herauszubringen. Da hat sich jemand wirklich Gedanken gemacht. Inhaltlich fand ich „The Message“ ein bisschen spannender, aber gefallen haben mir beide.
Randnotiz: Interessanterweise ist „The Life After“ offenbar Branded Content; der Podcast ist in Zusammenarbeit mit der Firma General Electrics entstanden. Es hat sich für mich aber keine Sekunde so angefühlt als würde ich hier Werbung hören. Ehrlich gesagt habe ich es erst durch die Recherche für diesen Blogpost herausgefunden.

Ich habe auch noch in The Truth, Welcome to Night Vale und Deadly Manners reingehört, aber nichts davon hat mich so richtig gepackt. Hier sind noch einige gelistet, die ich nicht kenne. Mal abwarten. Wenn ihr interessante fiktionale Podcasts kennt, gebt bitte Bescheid, ich bin weiterhin auf der Suche.

WISSENSDURST AUF DIVERSES (Alltagsobjekte, Essen, Technologie etc.)

In diese Kategorie fallen die meisten Podcasts, die ich höre. Ich erfahre interessante Dinge von Architektur über Soziologie, Technologie und überhaupt alles, was uns im Alltag begleitet. Essen zum Beispiel. Oder mythologische Gestalten. Von diesen Podcasts kann ich kaum genug bekommen.

99% Invisible
Hier geht es um Architektur und Design. Und zwar von der Art, die uns im Alltag ständig umgibt, und die wir deshalb nicht mehr wahrnehmen. Der Podcast geht sowohl der Frage auf den Grund, wie Glückskekse entstanden sind, als auch, woher die extreme „Grid Structure“ des Grundrisses der Stadt Salt Lake City kommt. Selbst die merkwürdigsten Themen werden durch diesen Podcast für mich spannend.

Every Little Thing

Every Little Thing
Nach der Folge über die Flamingos war ich sofort hin und weg, und seitdem nimmt dieser Podcast einen Spitzenplatz bei mir ein. Flora Lichtman macht sich auf die Suche nach den kleinen, unauffälligen Dingen, die wir oft gar nicht wahrnehmen. Sie erforscht, woher die prägnanten Nachrichtenjingles kommen, wer den verhassten Monobloc-Sessel erfunden hat und was an einer Sonnenfinsternis so faszinierend ist. Große Liebe für diesen Podcast! (Und ein wenig Ersatz für den leider nicht mehr produzierten Podcast Mystery Show, den ich immer noch liebe.)

Feminist Folklore
In diesem Podcast stellen Rachael Marr and Carlea Holl-Jensen Mythen und Folklore vor und diskutieren, wie sie das Frauenbild unserer Kultur prägen. Sehr interessant finde ich zum Beispiel die Folge über Mulan, die die meisten von uns (ich auch) vermutlich nur aus dem Disneyfilm kennen. Obwohl die beiden einen wissenschaftlichen Hintergrund haben, hört man einem normalen Gespräch zu und sie nehmen dabei kein Blatt vor den Mund. Mag ich!

Flash Forward
Wie würde eine Welt ohne Plastik aussehen? Was wäre, wenn die Arktis die beliebteste Kreuzfahrtsdestination wäre? Und was wäre, wenn der Konsum von Tierprodukten weltweit verboten wäre? Hier wird in jeder Folge ein neues Zukunftsszenario entworfen. Dann werden Wissenschafter_innen interviewt, die erklären ob und wie so ein Szenario vorstellbar wäre. Das ganze hat eine gute Dramaturgie und gibt mir oft Einblick in Dinge, von denen ich keine blasse Ahnung hatte.

Gastro Pod
Dieser Podcast vereint zwei Sachen, die ich mag: Essen und Geschichte. Jede Folge widmet sich einer anderen Zutat, einem Essensthema, oder einer speziellen Speise, und die wird dann von allen Seiten durchleuchtet, u.a. historisch. Ich habe vorher z.B. nicht gewusst, wie Cranberries angebaut werden, oder wie Restaurants in der heutigen Form entstanden sind.

Science vs.

Science Vs.
In jeder Episode wird ein heiß diskutiertes wissenschaftliches Thema auseinandergenommen. Zum Beispiel Impfgegner, künstliche Süßstoffe, oder Meditation. Das passiert immer auf Augenhöhe, und nie belehrend. Die Fragen, die gestellt werden, sind die, die ich mir selbst oft stelle. Das macht diesen Podcast für mich so zugänglich.

Spirits
In „Spirits“ gehts um harte Getränke und Geister. Beides heißt auf Englisch „spirits“, daher der Titel. In jeder Folge mixen sich Julie und Amanda einen Drink und erzählen Geschichten über mythologische Wesen, Geister und Folklore. Und sie nehmen dabei kein Blatt vor dem Mund. Muss ja auch mal wer laut sagen, dass Zeus ein unsympathischer Serienvergewaltiger ist. Das und meine Leidenschaft fürs Mythologische sind nur zwei Gründe, warum ich diesen Podcast mag.

Surprisingly Awesome
Leider wird mein Lieblingspodcast nicht mehr fortgesetzt, aber zum Glück ist das Archiv online. Es geht um mein liebstes Thema, nämlich die Geschichten, die hinter Alltagsgegenständen stecken. Ich habe noch nie in meinem Leben eine ganze Stunde lang so fasziniert zugehört, wenn mir wer etwas über Broccoli erzählt (ich schwör! – hört bitte mal rein). Oder über Pappe, Postleitzahlen oder Beton. Große Empfehlung.

The Allusionist
In diesem Podcast geht es um Sprache. Wie geht es einem, wenn man nach einem Schlaganfall die Sprache verloren hat? Was bedeutet das im Westen abgenutzte Wort „Namaste“ in Wahrheit? Welche soziale Funktion hat Small Talk? Das Spiel mit Sprache und die Macht der Wörter war immer schon etwas, das mich fasziniert. Und der Podcast erklärt mir vieles dazu.

The Feast
Hier gehts schon wieder ums Essen, dieses mal aber aus rein historischer Perspektive. Es werden bestimmte Gerichte oder Getränke (hallo, Eierlikör!) durch die Jahrhunderte begleitet, oder ein historisches Essensereignis wird nacherzählt. Wie ist die Cocktail Party entstanden? Wie ernähren sich Astronauten? Warum war ein italienischer Botschafter im Konstantinopel des 10. Jahrhunderts mit dem Essen unzufrieden? Und wieso gab es 1853 ein Charity Dinner im Inneren eines lebensgroßen Dinosauriermodells? Das wolltet ihr doch auch immer schon mal wissen, gebt es zu!

MENSCHEN

Here Be Monsters

Here Be Monsters
Dieser Podcast ist für mich schwer zu fassen. Aber wenn mich eine Episode erwischt, dann klingt sie lange in mir nach. Das sind immer die Folgen, wo mich eine Person in ihre Gedankenwelt mitnimmt. Wo die Audioaufnahmen wie intime Tagebücher sind, denen ich für einige Minuten zuhören darf. Dass es immer Geschichten von echten Menschen sind, verstärkt sie. Hier drei Episoden, die mich besonders berührt haben: Are you sure, you are awake? Eine Frau erzählt, wie es ist, mit der Krankheit Narkolepsie zu leben. The ocean of halves, in der eine Prostituierte von ihrer Arbeit erzählt. Deep Stealth Mode, in der eine Mutter dokumentiert, wie sie mit ihrem kleinen Sohn umgeht, der weiß, dass er ein Mädchen ist.
Ich glaube, was mir so gefällt ist, dass die Themen oft provokant sind – es geht immer wieder um Sexualität, psychische Krankheiten oder um extreme religiöse Ansichten. Aber nie wird damit reisserisch umgegangen, sondern immer respektvoll und menschlich. Hier wird niemand vorgeführt oder ausgenutzt. Und ich wünsche mir, dass wir uns öfters so zuhören oder so offen reden könnten, wie es die Menschen in diesem Podcast sich und uns erlauben.

Lieblingsplätzchen
Ich schicke voraus: Hier bin ich befangen. Weil ich Jana, die den Podcast macht, kenne. Und weil sie in einer Episode lang mit mir im Kunsthistorischen Museum war. Jana lebt noch nicht so lange in Wien und will die Stadt kennenlernen. Deshalb fragt sie Menschen nach ihren Lieblingsplätzen in Wien und begleitet sie mit dem Aufnahmegerät dorthin. Daraus entstehen lockere Gespräche, in denen man die Menschen kennenlernt, und auch immer ein bisschen, was sie begeistert und was sie antreibt. Was mir außerdem so gut gefällt: Jana ist offen, interessiert und entspannt, und man erzählt ihr gerne Geschichten. Und sie spricht im Dialekt. Das hat bei unserem Spaziergang dazu geführt, dass ich auch im Dialekt geredet habe. Und es ist vielleicht die einzige existierende Audioaufnahme, wo ich das fast zwei Stunden lang tue.

Love And Radio

Love + Radio
Hier steht in jeder Folge eine andere Person mit eine außergewöhnlichen Geschichte im Mittelpunkt. In den Interviews kommt man sehr nahe an die Menschen heran, und ich bekomme Einblicke in Welten, die mir normalerweise verschlossen bleiben würden. Wie ist es, 44 Jahre lang in Einzelhaft zu leben? Was macht eine Mutter mit ihren verwirrenden sexuellen Gefühlen, wenn sie den inzwischen längst erwachsenen Sohn nach vielen Jahren wieder sieht, den sie nach der Geburt zur Adoption freigegeben hat? Es gibt noch so viele andere faszinierende Folgen, die aber schwer in einem Satz zusammenzufassen sind. Hört einfach mal rein.

Missing Richard Simmons
Ich wusste vor diesem Podcast nur so ungefähr, wer Richard Simmons ist. Dass es seltsame Gerüchte über sein Verschwinden gab, hatte ich irgendwo einmal gelesen. Hier macht sich ein Fan auf, um herauszufinden, was passiert ist. In Wahrheit ist es aber auch ein neuer Blick auf eine abgefahrene Hollywoodkarriere eines außergewöhnlichen Mannes, und darauf, was Fansein bedeutet. Ob diese investigative Suche am Ende der letzten Folge zu einer Antwort führt, war mir eigentlich dann nicht mehr so wichtig. Weil ich auf dem Weg dahin einen faszinierenden Einblick in die Person Richard Simmons bekommen habe.

Radiolab
Jede Episode hat ein Thema, das dann durch den Blick auf zwei sehr unterschiedliche Menschen und ihre Geschichten aufgefaltet wird. Wenn es um Medienbilder von öffentlichen Personen geht, hören wir die Geschichte eines amerikanischen Politikers, und wie Paparazzi mit einer K-Pop Band umgehen. Es stecken immer die großen Fragen dahinter, in dem Fall: Hat die Öffentlichkeit ein Recht darauf, private Details ihrer Stars und Idole zu kennen? Wo sind die Grenzen? Die Themen sind breit gestreut. Von Polizeigewalt über die (symbolische) Bedeutung von Blut in unserer Kultur bis zum Überwachungsstaat ist alles dabei. Dass es immer aus konkreten Geschichten von echten Menschen heraus aufgerollt wird, gefällt mir sehr.

Rumble Strip

Rumble Strip
In jeder Episode lernen wir einen Menschen kennen, der etwas außergewöhnliches erlebt hat, plant, oder an einem Wendepunkt des Lebens angekommen ist. Ob Musikerin, Politiker, illegaler Flüchtling oder eine Privatdetektivin – sie bekommen hier Raum, ihre Geschichten zu erzählen. Wie viele der anderen podcasts in dieser Kategorie ist auch „Rumble Strip“ für mich ein Fenster in andere Welten, die ich sonst nie kennen lernen würde.

Was soll das?
Endlich einmal ein deutschsprachiger Podcast! Hier in Wien interviewen Patrick und Michael Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Thomas Brezina erzählt über das Schreiben, Corinna Millborn über Journalismus, Heinz Fischer über das Amt des Bundespräsidenten. Meistens geht es um mehr, fast immer über Politik, Medien und Internet.

GESCHICHTE

A History of the World in 100 Objects
Neil McGregor, der ehemalige Direktor des British Museum, stellt in einem Buch 100 Objekte vor, die die Geschichte der Menschheit geprägt haben. Für den Podcast hat er 20 Objekte ausgesucht. Von antiken Statussymbolen bis zu den ersten Städten reist man mit ihm anschaulich durch die Zeiten. (Weiter unten findet ihr übrigens einen weiteren guten Podcast von ihm, und zwar Living with the Gods.)

Dunkle Heimat

Dunkle Heimat
Dieser Podcast analysiert einen grausigen, bekannten und ungeklärten Mordfall, der 1922 im bayerischen Hinterkaifeck stattfand. Dabei geht es nicht nur um die Fakten, die man ohnehin im Internet nachlesen kann, sondern auch um die Faszination, die der Fall heute immer noch ausstrahlt.

Futility Closet
Die Geschichten, die in diesem Podcast erzählt werden, finde ich richtig interessant. Deswegen halte ich es auch aus, dass mich die Stimmen nerven. Der Mann liest den Text scheinbar einfach ab, und das klingt für meine Ohren oft sehr gelangweilt und hölzern. Aber macht nichts, weil die kleinen Episode, die sich die beiden Podcastmacher_innen aus der großen historischen Geschichte herauspicken wirklich spannend sind.

History Extra
Der History Extra Podcast gehört zu einem Magazin über Geschichte. In jeder Folge wird ein historisches Thema erklärt. Zum Beispiel, wie die medizinische Versorgung im viktorianischen England funktionierte. Oder wie das Christentum zur vorherrschenden Religion der römischen Antike wurde. Manche Themen sind bekannt, andere gar nicht.

History Bitches
In Geschichtsbüchern wimmelt es ja meistens von männlichen Herrschern. Frauen werden kaum beschrieben, selbst wenn es sie gab. Dieser Podcast macht sie sichtbar, und zwar auf knackige und unterhaltsame Weise.

In Our Time
Dieser Podcast taucht in fast allen Best-Of-Podcast Listen auf, aber mich verbindet eine Hassliebe mit ihm. Das liegt am Moderator Melvyn Brigg. Während offenbar viele lieben, wie er seinen Gesprächspartner_innen mitten in den Satz reinfährt, finde ich das einfach nur nervig und anmaßend. Ich verstehe, dass er sein Gegenüber nicht abschweifen lassen will. Und dass er die Gesprächspartner_innen zu einer klaren Sprache zwingen will. Aber wie er das macht, finde ich schlimm. Trotzdem höre ich mir diesen Podcast an, weil die Themen so interessant sind.

Living with the Gods

Living With The Gods

Neil McGregor habe ich weiter oben schon erwähnt. Hier nimmt er uns auf eine Reise durch Zeiten und Kulturen mit, um zu erzählen, wie die Menschen glauben. Ab wann gab es so etwas wie Religion oder beten? Welche Rituale gibt es mit Wasser, welche mit Feuer? Wie drückt man seinen Glauben in Sibirien aus, welche Totenrituale gab und gibt es in Europa? Der Podcast begleitet eine sehr spannende Ausstellung im British Museum, die ich im November gesehen habe. Zusammen mit diesem Podcast haben sich mir als nicht aktiv gläubiger Mensch viele neue Perspektiven aufgetan.

Revisionist History
Malcolm McGladwell ist für seine populärwissenschaftlichen Bücher bekannt (und für manche Thesen umstritten). In seinem Podcast geht er historischen Phänomenen auf der Spur und findet heraus, ob nicht doch etwas anderes dahinter steckt als wir denken. Besonders beeindruckt und ehrlich gesagt dann auch wütend gemacht hat mich die Episode „The Lady Vanishes“, in der durch zwei Jahrhunderte gezeigt wird, wie erfolgreiche Frauen in Männerdomenen nicht der erhoffte Beginn eines Umschwungs in Richtung Geschlechtergerechtigkeit sind, sondern nur Ausreißer bleiben.

Stuff you Missed in History Class
Ich mag, dass hier zwei Frauen so unverschwurbelt quer durch die Jahrtausende kleine Ereignisse aus der Geschichte erklären. Egal, ob es um die minoische Kultur der Antike oder die Gebrüder Lumière geht, mir wird dabei nie langweilig – auch wenn mir der Text manchmal ein bisschen zu heruntergelesen daherkommt.

Zeitsprung

Zeitsprung
Dieser Podcast war einer der ersten, die ich zu hören begonnen habe, nachdem mich vor ungefähr zwei Jahren das Podcastfieber gepackt hat. Und ich habe bis heute keine Folge versäumt. Inzwischen habe ich Richard und Daniel, die den Podcast machen, auch persönlich kennen gelernt. Ich mag das Format, das die beiden entwickelt haben, und ich finde die „Geschichten aus der Geschichte“, wie ie es selbst bezeichnen, immer interessant. Besonders ist mir der Podcast in Erinnerung geblieben, der mir vom Teehandel der Briten zum Opiumkrieg und die Folgen der Kolonialzeit einen großen Zusammenhang erklärt hat, von dem ich davor nichts wusste.

PSYCHOLOGIE

Hidden Brain
Eine Frage, die mich beruflich umtreibt, ist, warum wir Menschen so sind und handeln, wie wir es tun. Welche psychologischen Muster laufen unbewusst in uns ab? Hier bekomme ich Antworten. Dabei geht es nicht nur um Psychologie, sondern es werden Brücken zur Soziologie, Wirtschaft und Anthropologie geschlagen. Und genau das macht es so interessant.

You Are Not So Smart

You Are Not So Smart

You Are Not So Smart
Dieser Podcast beweist mit jeder Episode, dass wir eigentlich ziemlich blöd sind. Also insofern, dass wir oft zu wissen glauben, warum wir bestimmte Entscheidungen treffen. Dass es in Wahrheit bestimmte psychologische Muster sind, die uns beeinflussen, wird hier erklärt. Warum ändert die Konfrontation mit Fakten oft nicht die Haltung von Menschen? Wie bewirkt man Verhaltensänderungen? Ist eine lebhafte Erinnerung an Ereignisse in der Vergangenheit eher „wahr“ als eine verschwommene? Warum fällt es uns so schwer, die Welt differenziert zu sehen und weniger in schwarz und weiß zu denken? In jeder Folge wird aufgedeckt, dass wir weniger wissen und verstehen als wir glauben, und was die neurologischen und psychologischen Ursachen dafür sind. Obwohl es inhaltlich sehr wissenschaftlich zugeht, wird alles zugänglich und auf Augenhöhe präsentiert. Das gefällt mir besonders gut. Und: Traut eurer Logik nicht, das Hirn und unsere Psyche sind eine etwas kompliziertere Angelegenheit.

WIRTSCHAFT

50 Things That Made the Modern Economy
In 50 eher kurzen Episoden erzählt Tim Harford von Dingen, die unser Leben so beeinflusst haben, dass sich Wirtschaft und Kultur dadurch verändert haben. Manche sind einleuchtend, wie der Pflug, das Papiergeld oder Plastik. Andere haben mich überrascht, wie der gebogene Siphon unter dem Waschbecken, oder Air Condition.

Freakonomics

Freakonomics

Freakonomics
Endlich weiß ich warum Matratzen so viel kosten und es (zumindest in Amerika) so viele Matratzenläden gibt. Und wie man das Schlangestehen erforscht und verbessert. Bei Freakonomics geht es nicht zwingend um Ökonomie und Geld. Es werden meistens Phänomene erforscht, die wir im Alltag antreffen, und die oft auch Auswirkungen auf unsere Wirtschaft haben. Und das auf sehr spannende Weise.

Planet Money
Arbeitslosigkeit, Bitcoin oder die berühmte Birkin Tasche – auch hier werden Alltagsphänomene erklärt, aber in einem noch direkterem Zusammenhang mit Wirtschaft als bei Freakonomics. Aber genauso unterhaltsam und spannend. (Ich wusste vorher zum Beispiel nicht, wie nordkoreanischer Kapitalismus funktioniert.)

FILM UND SCHREIBEN

Bruttofilmlandsprodukt
Hari, Birgit und Hannes rücken dem österreichischen Film zu Leibe. Und zwar nicht nur aus der Sicht von Filmfans, sondern journalistisch und dramaturgisch. Neue österreichische Film- und Fernsehprojekte kommen auf die Waagschale und werden im Kontext von Film- und Medienpolitik analysiert. Insofern sticht dieser Podcast heraus, weil sich hier nicht nur Filmnerds austauschen, sondern es teilweise sehr kritisch zugeht. Ich sehe zwar in manchen Episoden einige Details oder Rückschlüsse aus meiner beruflichen Erfahrung als Filmdramaturgin ein wenig anders, aber gerade eine kleine Filmbranche wie unsere in Österreich braucht diesen Podcast dringend.

Flip the Truck

Flip the Truck

Flip the Truck
Hier ist gleich noch ein österreichischer Podcast, der sich aber dem internationalen Film widmet. Und zwar mit großer Begeisterung und Leidenschaft. Ich habe „Flip the Truck“ erst relativ spät entdeckt (und zwar mit den Harry Potter Folgen), dann aber umso mehr lieben gelernt. Mehreren sehr begeisterungsfähigen Leuten dabei zuzuhören, wie sie über Filme sprechen, ist für mich ein echtes Vergnügen. Das liegt vielleicht auch ein bisschen daran, dass bei mir in der täglichen Arbeit als Filmdramaturgin die klare Analyse, und teilweise auch Konfliktlösungen im Vordergrund stehen. Sich seiner Leidenschaft für bestimmte Filme hemmungslos hingeben zu können, entfacht das alte Feuer in mir, wenn es mal ein wenig ausgebrannt ist. Und ich erinnere mich dann wieder daran, wieso ich mir meinen Beruf ausgesucht habe.

Imaginary Worlds
Fantastische Welten begeistern mich seit ich ein Kind bin. In diesem Podcast werden bestimmte Aspekte von Fantasy- und Sci-Fi-Welten analysiert. Manchmal geht es um Details wie um den (schrecklichen) Sklavenbikini von Prinzessin Leia in Star Wars, manchmal um ganze Welten, wie in der Folge über die Entstehung von Fantasylandkarten. Besonders interessant fand ich auch die Folge, in der Leute interviewt wurden, die im „echten“ Twin Peaks wohnen, also dort, wo die Serie gedreht wurde.

On the Page
Endlich mal ein Podcast von jemandem, der meinen Beruf hat! Pilar Alessandra lädt Gäste ein oder erzählt selber von ihrer großen Erfahrung als Filmdramaturgin. Manchmal geht es um spezielle Themen, wie um die gefürchteten Flashbacks und Voice Overs, manchmal gehts darum, wie man lustige Szenen schreibt. Die meisten Folgen finde ich sehr informativ, und wenn mir etwas mal nicht so gut gefällt, gibt es ein riesiges Archiv.

Story Forward
Hier geht es um etwas Spezielles, für das ich eine große berufliche Liebe habe, nämlich Transmediales Erzählen. Leider macht das bei uns kaum jemand, aber mit diesem Podcast kann ich das kompensieren, auch wenn er inzwischen nicht mehr produziert wird. Besonders toll fand ich zum Beispiel die Episode, in der erzählt wird, wie man eine Radiostation für die fiktive Serie „The Man in the High Castle“ kreiert, in der die Nazis seit dem 2. Weltkrieg die USA beherrschen. Wie klingt also Musik, wenn der Rock’n’Roll nie entstanden ist? (Offenbar funktionieren die Links auf der Website nicht mehr alle, aber auf iTunes könnt ihr alle Folgen von Story Forward nachhören.)

You Must Remember This

You Must Remember This
Diesen Podcast habe ich euch schon einmal vorgestellt. Nicht alle mögen Karina Longworths Stimme und die Art, wie im Podcast Musik eingesetzt wird, aber ich bin ein großer Fan. Am stärksten sind mir die 12 Folgen über Charles Manson hängen geblieben. Ich wusste von den Morden, aber wie er seinen Weg in die Hollywoodgesellschaft gefunden hat, und was am Ende genau auf der Ranch passiert ist, wusste ich nicht. Spoiler: Es ist sehr, sehr creepy. Die meisten Folgen beschäftigen sich aber mit dem goldenen Zeitalter Hollywoods. Und wenn man mehrere Folgen hintereinander hört, wird klar, wie sehr die Studios vor allem Frauen, die Schauspielerinnenverträge hatten, als ihr Eigentum betrachtet haben. Männer auch, aber nicht in dem Ausmaß. Es ist beklemmend. Aber natürlich auch sehr interessant.

So, hier ist die epische Liste zu Ende. Viel Spaß beim Zuhören!

Euch gefällt, was ich hier auf meinem Blog poste? Das freut mich! Ihr könnt gerne mal hier im Blog einen Kommentar hinterlassen, oder mir ein paar freundliche Worte per E-Mail schicken. Außerdem freue ich mich auch sehr über ein Buch von meinem Wunschzettel. Das kann ich dann alles lesen, wenn einmal einer dieser Momente um die Ecke kommt, in denen meine Motivation und Inspiration kurz Pause machen. Danke euch fürs Lesen und Mitreden und Dasein! <3

 

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InesDie epische Lieblingspodcastliste

„schreiben.hören“: Ein Gespräch mit Lukas Pellmann

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Endlich gibt es wieder eine neue Ausgabe von meinem Podcast „schreiben.hören“. Dieses Mal habe ich den Autor Lukas Pellmann getroffen. Er schreibt Regionalkrimis. Genauer gesagt grenzt sich die Regionalität sogar auf einen einzigen Bezirk Wiens ein – auf die Leopoldstadt, den zweiten Wiener Gemeindebezirk. Abgesehen davon gibt es bei Lukas‘ Krimis noch mehr Besonderheiten. Es sind nämlich interaktive Forsetzungskrimis, die in das echte Leben hineinragen. Zum Beispiel, indem man dem Kommissar Moritz Ritter auf Instagram und Twitter folgen kann, oder wenn man der Polizei auf WhatsApp Hinweise zum Erfassen des Mörders gibt. Also der fiktiven Polizei im Roman natürlich. Dass man als Leserin und Leser dadurch sozusagen Teil der Erzählung wird, gehört zum Konzept.

Auf Instagram sieht man, dass Moritz Ritter gerne schöne Stadtstimmungen aus dem zweiten Bezirk einfängt.

Und auch privat lässt Moritz Ritter sein Beruf als Polizist nicht los – er schaut sich am Sonntag gerne den Tatort an.

Trotz Lukas Pellmanns Social-Media-Affinität erscheint sein letzter Krimi „Mord im Zweiten“ bald auch in einer Printausgabe, und zwar beim Kladde Verlag. Und auch hier gibt es etwas Bemerkenswertes – der Verlag ist ein Startup, das klassischen Buchdruck mit neuen Finanzierungsmethoden wie Crowdfunding kombiniert. Das gefällt mir unter anderem deshalb so gut, weil ich merke, dass meine Branche, also der Film, aus diversen Gründen sehr zögerlich ist, wenn es darum geht neue Finanzierungs- oder Vertriebsmethoden auszuprobieren. (Randbemerkung: Wieso das beim Film leider ziemlich kompliziert ist, ist einen eigenen Blogpost wert, aber jetzt zurück zum Roman. Und zwar zu Lukas‘ Roman.)

Diese besonderen Ansätze was die Entstehung des Romans und Interaktion mit dem Publikum betrifft, haben mich interessiert, und deshalb habe ich Lukas getroffen, um eine neue Ausgabe meines Podcasts „schreiben.hören“ aufzunehmen. Hier geht es zur aktuellen Episode mit Lukas Pellmann. Und hier ist die Playlist mit allen bisherigen Podcast-Episoden.

Die Termine zu Lukas Pellmanns nächsten Lesungen findet ihr hier. Die nächste ist am 10. November 2016 um 19h im Supersense. Dort gibt es den Auftakt für den neuen Fortsetzungskrimi „Instamord“. Und die Ebooks gibt es bei Thalia und für den Kindle.

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Ines„schreiben.hören“: Ein Gespräch mit Lukas Pellmann

Gelesen: Daniel Wisser „Kein Wort für Blau“ – mit Podcast

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Daniel Wisser: Kein Wort für Blau, Klever Verlag 2016

Daniel Wisser: Kein Wort für Blau, Klever Verlag 2016

Dass die Texte in Daniel Wissers aktuellem Buch „Kein Wort für Blau“ überhaupt auf Papier gedruckt wurden, hat mich überrascht. Denn eigentlich existieren sie nicht. Also zumindest nicht schriftlich. Sie sind nämlich für verschiedene Bühnenperformances entstanden. Ich kann mich erinnern, dass Daniel und ich uns einmal darüber unterhalten hatten, wie das überhaupt zu nennen sei, dieser Textvortrag, der ganz sicher keine Lesung ist, und den es nirgends gibt außer in seinem Kopf, und dann nur sporadisch ausgesprochen während des Auftritts auf der Bühne. Schwierig. Jedenfalls wurde sein letzter Auftritt als „Textperformance“ angekündigt, und das trifft es meiner Meinung nach sehr genau.

Jetzt sind die Texte aber doch als Buch erschienen. In kleinen Vignetten mit maximal acht oder neun Sätzen werden da absurde Begebenheiten erzählt; oft sind es Fakten aus vergangenen Zeiten, bei denen ich mir aber nie ganz sicher bin, ob es nicht doch bloß herbeifantasierte Legenden sind. Wie der Text „Baum“, über die Expedition des Ludwig Leichhardt, die beim Versuch der Durchquerung der australischen Wüste verschwand, ebenso wie die daraufhin losgeschickte Suchexpedition, und die Jahre später ausgesandte weitere Expedition. In Daniel Wissers Text wird diese Merkwürdigkeit fast nüchtern aufgeschrieben, und gerade deshalb sticht die Absurdität der in der Tat faktenbasierten Situation noch stärker hervor.

Genau dieses Absurde mag ich auch so sehr an Daniels Texten. Es sind die kleinen Randbemerkungen der großen geschichtlichen Ereignisse, die kleinen Nachrichten aus dem Chronikressort eine alten Zeitung, oder selbst erlebte Dinge, die Daniel Wisser hier aufzeichnet und verarbeitet. Und gerade diese teilweise fast schon banalen Dramen sind es, die mich umso stärker faszinieren, weil ich aus Gründen von Berufskrankheit (Filmdramaturgie, my ass) meistens das große Drama erwarte.

Für die dritte Episode meines Podcasts „schreiben.hören“ habe ich mich mit Daniel Wisser im Café Heumarkt getroffen, wo wir uns über den Übergang seiner Kurztexte von mündlich entstandenen zu schriftlich existenten Texten unterhalten haben, und über viele andere Dinge. Besonders ist mir Daniels Erzählung über die japanischen Tuschezeichner in Erinnerung geblieben, die den Berg Fuji in ihrem Leben 1000 mal zeichnen dürfen. Aber das bedeutet nicht, dass sie es 999 mal üben, um es dann beim 1000. mal „richtig“ hinzubekommen, sondern dass jede Zeichnung zählt. Das erinnert mich übrigens an das Seminar bei Heinrich Steinfest, das ich neulich in der Schule für Dichtung belegt hatte. Nach dem ersten Nachmittag habe ich ihn nach seiner Schreibmethode gefragt, also ob es so etwas gäbe wie Texte, die ihm helfen, in die Figuren hineinzufinden. Und er mir sehr bestimmt geantwortet hat, dass jedes Wort von Anfang an zähle. Es gäbe kein Üben, keine Probe. Quasi: Schreiben ist immer Schreiben. Was mir ein bisschen Angst gemacht hat. Aber vielleicht sollte ich den Wink mit dem Zaunpfahl endlich einmal wahrnehmen und es einfach mal so richtig konsequent fortführen, das mit dem Schreiben.

Aber ich schweife ab, wobei das ja auch eine eigene Kunst ist, wie Daniel mir in dem Interview für den Podcast erzählt hat, besonders wenn es gelingt, sich innerhalb weniger Sätze in ein anderes Thema zu verlieren. Aber jetzt genug geschrieben, es wird Zeit zum Hören.

Hier ist die dritte Episode meines Podcasts „schreiben.hören“, dieses Mal mit dem Autor Daniel Wisser. Viel Vergnügen!

p.s.: Hier gehts zu den tollen „Randnotizen“, die Daniel zur Zeit für den Steirischen Herbst schreibt.

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InesGelesen: Daniel Wisser „Kein Wort für Blau“ – mit Podcast

Gelesen: LUCY FLIEGT von Petra Piuk (mit Interview)

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Hinweis: Danke an den Verlag Kremayr & Scheriau, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Lucy will hoch hinaus, und zwar nach Hollywood. Nur hat ihr das Leben bisher keine ideale Startbahn geboten. Trotzdem versucht sie alles, um dem Gemeindebau zu entfliehen. Und wieder Erwarten hat sie es immerhin bis ins Flugzeug geschafft, wo sie ihrem Erfolg entgegenfliegt und wir ihrem inneren Monolog zuhören.

Petra Piuk: Lucy fliegt, Kremayr&Scheriau

Petra Piuk: Lucy fliegt, Kremayr&Scheriau

Lucy, die Protagonistin aus Petra Piuks Debutroman LUCY FLEGT, hat mich einigermaßen in Turbulenzen versetzt. Denn Lucy nervt. Ihr Größenwahn ist anstrengend, für sie, aber auch für mich als Leserin. Und im nächsten Moment kann sie einem wiederum einfach nur leid tun. Eine Woche nachdem ich den Roman, also eher: den Monolog, zu Ende gelesen habe, stehe ich ihr nach wie vor ambivalent gegenüber, dieser größenwahnsinnigen Göre, die nach jedem Tiefschlag wieder aufsteht und einfach weitermacht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Lucys Gedanken springen herum, von der Gegenwart im Flieger in die Vergangenheit und wieder zurück. Und ich muss zugeben, dass ich einige Zeit gebraucht habe, um in diesen Text hineinzufinden, aber weniger wegen der Sprache – das Abgehackte passt ja sehr gut zur Nervosität der Figur -, als vielmehr wegen Lucy. Ich habe sie nämlich am Anfang nicht so gut ertragen. Aber je mehr ehrliche und lichte Momente durch den Größenwahn blitzten, desto spannender fand ich sie und ihr merkwürdiges, trauriges und in manchen Ausnahmen dann doch großartiges Leben.

„Das wahre Ich zeigen. Woher soll ich bitte wissen, was mein wahres Ich. Man schaut ja in jedem Spiegel anders aus. Ist mein wahres Ich das da im verdreckten Klospiegel. Oder das in den Spiegeln der Umkleidekabinen, die so schön dünn machen. Keine Ahnung, was mein wahres Ich. Dabei mach ich eh ständig die Psychotests auf Facebook.“

Das denkt sich Lucy einmal, und das ist dann auch der Kern der Geschichte: LUCY FLIEGT ist eine Identitätssuche, die aber wenig aussichtsreich ist, weil Lucy sich so sehr nach außen orientiert und sich für die Außenwelt inszeniert, dass jede neue Hülle, die sie ausfüllen will, zwangsläufig zu groß oder falsch geschnitten ist. Aber anders kann Lucy ihre Identität nicht gestalten als von außen, denn ihr eigentliches Ich ist systematisch zerstört worden, durch die Familie und durch die Umstände. Da ist alles sehr früh zerbrochen, kommt mir vor, und zwar so sehr, dass es nicht mehr zusammengeklebt werden kann. Da bleiben dann nur mehr die Träume vom fernen Hollywood, um überhaupt noch etwas zu haben, für das es sich zu leben lohnt. Und das hat mich dann sehr berührt und beeindruckt.

Wie die Autorin Petra Piuk in die Rolle von Lucy geschlüpft ist, um sich ihre Protagonistin zu erarbeiten, hat sie mir in der zweiten Episode meines neuen Podcasts schreiben.hören erzählt. Wir haben uns dafür am Westbahnhof in Wien getroffen. Hier könnt ihr eine editierte und gekürzte Version des Interviews nachlesen. Alle Fragen und die ausführlichen Antworten könnt ihr hier im Podcast nachhören, in dem ich mit Autorinnen und Autoren über ihre Arbeitsweisen spreche.

Du hast mir einige Orte vorgeschlagen, wo wir uns treffen könnten. Und dann waren ein Zug und der Westbahnhof dabei. Ist das ein Ort, der dir was spezielles bedeutet, oder ist dir das spontan eingefallen?

Ich liebe Bahnhöfe und auch Flughäfen und überhaupt diese Hafenatmosphäre in Städten. Ich schreibe auch gerne in Zügen, und auch auf Bahnhöfen und an verschiedenen Orten. Es kommt immer darauf an, in welcher Schreibphase ich bin. Wenn ich am Anfang bin, um Ideen zu finden und Geschichten zu entwickeln, dann schreibe ich gern an öffentlichen Plätzen. Oft auch an Plätzen, die in der Geschichte eine Rolle spielen, oder eben in Zügen. Wenn ich dann im Prozess des richtigen Schreibens bin, dann brauche ich meine Ruhe. Dann bin ich am Schreibtisch, oder auch gerne in einer Pension mitten im Wald, oder in einer Almhütte – da brauche ich dann die Abgeschiedenheit und Ruhe. Das sind verschiedene Prozesse.

Ist bei dir der Prozess der Umsetzung und der der Ideenfindung voneinander getrennt oder ineinander verwoben?

Das ist total ineinander verstrickt, und ich kann es überhaupt nicht voneinander trennen. Im Fall von „Lucy fliegt“ hatte ich zuerst die Figur, und habe dann erst den Plot entwickelt, und der hat wieder die Figur verändert. Ich habe ganz viele Seiten geschrieben, die ich dann verworfen habe, aber die ich brauchte, um die Figur und die Geschichte kennen zu lernen. Als letztes kam dann erst die Form. Ich habe ganz verschiedene Formen ausprobiert – es gibt Versionen in der Vergangenheit, in der Gegenwart, eine Ein-Satz-Version… ich habe da ganz viel herumgespielt. Und als ich die Form hatte, hat die wieder den Plot verändert und auch wieder die Figur. Ich kann das eigentlich gar nicht trennen.

Die Rahmenhandlung deiner Geschichte ist ein Flug. Das spielt quasi in Echtzeit, aber dann auch wieder nicht, weil die Hauptfigur Lucy so viele Erinnerungen an die Vergangenheit hat, und wir sie immer besser kennen lernen. Ich habe gehört, dass du auch als die Figur Lucy wie eine Schauspielerin einen Flug hinter dich gebracht hast. Ich sage bewusst „hinter dich gebracht“, weil Lucy ja starke Flugangst hat. Ist das etwas, das du für dieses Projekt entwickelt hast, oder arbeitest du immer so, wenn du Prosa schreibst?

Ich komme eigentlich vom Schauspiel und habe auch nach der Schauspielstunde zwei Jahre eine Method Acting Ausbildung gemacht. Ich arbeite gern mit der Methode, und im Fall von Lucy habe ich mir die auch mit verschiedenen Techniken angeeignet. Eine dieser Methoden war der Flug, weil ich eigentlich gerne fliege. Aber ich habe auch schon einmal einen Flug erlebt, der der Horror war. Ich bin nach Chile geflogen, und da gab es heftige Turbulenzen über dem Atlantik. Ich konnte mich nicht ablenken, weil alles ausgefallen war, auch die Videos, und da hatte ich dann auch wirklich Angst. Ich habe dann versucht, mit verschiedene Techniken diese Angst wieder hervorzuholen und bin dann mit dieser „kontrollierten Angst“ geflogen. Ich habe alles, was sie gesehen und gehört hat, und welche Geräusche sie wie interpretiert, und welche Blicke der Stewardessen sie wie interpretiert, notiert, und versucht mit einer ganz anderen Wahrnehmung zu fliegen. Danach habe ich das niedergeschrieben. (…) Ich schreibe auch gerne in Ich-Form und habe auch in der Schauspielzeit am liebsten die Figurenbiografien geschrieben.

Wie machst du das – manche haben Notizbücher, manche haben keine, manche tippen es ins Handy oder iPad, manche merken es sich und gehen sofort in den richtigen Text. Hast du da eine bevorzugte Art? Was hast du zum Beispiel während des Flugs gemacht?

Da hatte ich mein Notizbuch. Wenn ich an öffentlichen Plätzen bin, schreibe ich gerne ins Notizbuch. Das sind dann Figurenskizzen und Handlungsskizzen. Wenn ich dann richtig am Text schreibe, dann schreibe ich gerne am Laptop oder am Standrechner. Ich habe schon immer Notizbücher mit. ich liebe auch Notizbücher in allen Formen und habe ganz viele davon.

Bei mir stapeln sich die angefangenen Notizbücher, und dann sind sie immer in der falschen Tasche. Hast du ein System?

Ich habe pro Projekt ein Notizbuch. Lucy hatte ein dickes Notizbuch, und das neue Projekt hat jetzt wieder ein eigenes. Und dann habe ich für zwischendurch immer so kleine, die dann immer dabei sind.

Führst du das dann an einem Ort zusammen? Ich suche ja immer noch nach einem System.

Das habe ich mir immer vorgenommen, dass ich das dann alles abschreibe – Figurenideen, und Schauplatzideen, und Erlebnisideen. Das hat aber auch nicht funktioniert. ich habe ganz viele Notizbücher, in die ich nicht mehr hineinschaue, die es nur einfach gibt. Ich habe dann einzelne Mappen angelegt, wo ich angefangen habe, Figurenideen in di eFigurenmappe zu geben. Aber da schaue ich in Wahrheit auch nicht mehr hinein. Ich glaube, die wichtigen Dinge sind dann ohnehin im Kopf. Aber vielleicht wird man irgendwann drin stöbern und findet dann etwas. (…) Bei den Romanen ist das aber etwas anderes. Da habe ich dann mein dickes Buch, und da schaue ich schon immer wieder hinein.

Für mich war das Lesend eines Romans ziemlich herausfordernd, weil mich Lucy auf den ersten 30 Seiten unfassbar genervt hat. Was ja ein gutes Zeichen ist, weil da etwas in mir resoniert hat. Aber wie geht man damit um, wenn man eine Hauptfigur hat, die sehr anstrengende, oder sogar unsympathische Seiten hat?

Ich finde das lustig, weil ganz viele Leute sagen, dass sie am Anfang die Figur hassen, aber dann immer mehr mit ihr mitfühlen. Das finde ich ganz schön. Ich habe die Figur nie als unsympathisch empfunden. Das muss man ja fast als Autor, weil du doch drei Jahre deines Lebens mit dieser Person verbringst. Und wenn du die die ganze Zeit unsympathisch findest, hast du ja gar keine Lust daran zu schreiben. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich ihre andere Seite kenne und weiß, wieso sie so ist.

Feedback ist ein Prozess, der mich auch noch interessiert. In einer Schreibgruppe bekommt man Feedback und Meinungen. Ist das etwas, das dir hilft? Holst du es dir bewusst rein? Wie planst du Feedbackschleifen?

Am Anfang arbeite ich für mich alleine, um zu schauen was ich wirklich schreiben will. Dann hole ich mir Feedback von Freunden, die kritisch sind. Ich habe auch eine Schreibgruppe, wo wir uns einmal im Monat treffen und da auch gegenseitig Kritik geben. Das ist wichtig, sonst verrennt man sich wo, und da ist derBlick von außen wichtig. Man lernt auch von den anderen Projekten viel.

Das gesamte Interview samt Bahnhofsatmosphäre könnt ihr hier im Podcast nachhören.

 

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InesGelesen: LUCY FLIEGT von Petra Piuk (mit Interview)