Mein erstes Mal… mit H. P. Lovecraft

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Neulich habe ich bei mir ums Eck im Bücherschmaus eine Sammlung von Kurzgeschichten von H.P. Lovecraft gefunden. Die hat einen gewissen Ehrgeiz in mir geweckt, weil da groß „Cthulhu“ draufstand. In Violett, und im alten Suhrkamp-Design. Jetzt ist es so, dass ich H.P. Lovecraft nur dem Namen nach kannte. Genau wie den sagenumwobenen Cthulhu. Von dem wusste ich nur, dass er ein Monster mit irgendwelchen Tentakeln war.

Mein purpurner Cthulhu

Mein purpurner Cthulhu

Um Horror, Übernatürliches und Geister habe ich bei Filmen und in Büchern bisher immer einen Bogen gemacht – ich bin nämlich ein bisschen schreckhaft. Und ich will mich nicht fürchten, wenn ich beim Einschlafen lese. Oder im überfüllten Freibad. Es soll ja schon passiert sein, dass mir ein kleiner Schrei auskommt, wenn etwas Arges in einem Buch passiert, und wie stehe ich denn dann wieder da, bitteschön? Der Cthulhu ist mir trotzdem nicht entgangen, weil man schließlich nicht um ihn herumkommt, so als populärkultureller Mensch. Zum Beispiel in Gestalt von Davy Jones, dem Kapitän der Flying Dutchman in „Pirates of the Carribean“. Aber ich hatte bloß eine vage Vorstellung, dass dieses Wesen irgendwie mit übernatürlichen Sachen und vielleicht auch dem Weltall zu tun hat – oder war das das fliegende Spaghettimonster? Na, ihr seht schon, ich habe einfach keine Ahnung.

Aber zurück zum Buch. Ich hatte schon lang keinen Pageturner mehr auf dem Nachtkastl liegen. Bücher ohne Durststrecken sind bei mir ein Glücksfall (und welche mit Durststrecken eine Qual, weil ich es immer noch nicht gelernt habe, Bücher, die mich nicht mehr interessieren, einfach wegzulegen). Dieses Buch besteht aus sechs Kurzgeschichten, und bis auf die vorletzte ist keine über 30 Seiten lang. Sehr gut, habe ich gedacht, wenn sich eine davon zieht wie Kaugummi, kommt wenigstens schnell die nächste.

Aber was soll ich euch sagen – nirgendwo auch nur eine Spur von Kaugummi! Ich war von Anfang an begeistert von diesen mysteriösen Welten, die sich hinter versteckten Türen und Fenstern, auf Dachböden, oder in spärlich bewohnten Landstrichen aufgetan haben. Das lag auch an der Übersetzung, die H.C.Artmann geschrieben hat. Ihm ist es zu verdanken, dass ich wunderschöne Worte wie „ghoulisch“ gelernt und das Wort „Pandämonium“ wieder gefunden habe. Ohne diese Übersetzung hätte mich die Atmosphäre der Geschichten wohl nur halb so wuchtig eingehüllt.

Und noch etwas ist mir aufgefallen: Die Dramaturgie der Abfolge der Geschichten. Sie steigern sich vom kleinen Schrecken bis zur Weltbedrohung aus der Tiefe und dem Kosmos. Aber alle haben etwas gemeinsam: Dass es die Figuren zu dem Unerklärlichen und Abgründigen hinzieht, und sie mit dem, was sie da erfahren, nicht umgehen können. Insofern ist das alles natürlich auch ein gar nicht so sehr versteckter Blick in unsere eigenen Abgründe.

Besonders schön habe ich ja gefunden, dass ich hier etwas völlig Neues für mich entdeckt habe, und zwar ganz unvermutet. Weil ich zuerst so: „Naja, liest du halt mal hinein, damit du diesem Popkulturphänomen auf die Spur kommst. Kann ja nicht schaden.“ Und dann lande ich plötzlich in einer neuen Welt, die mich richtig begeistert.

LOST

LOST

So etwas passiert mir immer seltener, diese kindliche Freude an etwas, das mich so richtig fesselt. Das letzte große Mal hatte ich das, als ich die Serie „Lost“ für mich entdeckt hatte. Besonders am Ende der dritten Staffel, als sich die ganze Erzählung durch einen kleinen dramaturgischen Kniff umdreht. Da hatte ich natürlich als Filmdramaturgin auch viel Bewunderung für das Handwerk, aber „Lost“ hat es immer wieder geschafft, mich  zu begeistern. (Bis auf die letzte Staffel, die war unverzeihlich schlimm. Aber naja.)

Ich weiß nicht mehr, zu welchem Anlass es war – ein Buch? Eine Serie? -, jedenfalls hat mal jemand, der diese Sache schon kannte, gesagt: „Ich beneide dich darum, dass du das alles zum ersten Mal entdecken kannst!“. Und er hatte recht. Deswegen finde ich es überhaupt nicht mehr schlimm, wenn man angeblich „wichtige“ Filme, Serien und Bücher noch nicht kennt. Wenn man Glück hat, wird man nämlich total begeistert sein und es für sich zum ersten Mal entdecken. Und das kann man durch nichts ersetzen.

Wobei mich dieser Tweet von Anke hoffen lässt, dass manche erste Male vielleicht doch wiederholbar sind…

Falls ihr auch solche Entdeckungserlebnisse hattet, schreibt mir doch. Begeisterung teilen ist so eine neue Passion von mir. Aber das wisst ihr ja schon.

p.s.: Das Buch sieht in der aktuellen Ausgabe nur mehr halb so schön wie vorher aus. Aber der Inhalt ist derselbe.

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InesMein erstes Mal… mit H. P. Lovecraft

Gelesen: Daniel Wisser „Kein Wort für Blau“ – mit Podcast

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Daniel Wisser: Kein Wort für Blau, Klever Verlag 2016

Daniel Wisser: Kein Wort für Blau, Klever Verlag 2016

Dass die Texte in Daniel Wissers aktuellem Buch „Kein Wort für Blau“ überhaupt auf Papier gedruckt wurden, hat mich überrascht. Denn eigentlich existieren sie nicht. Also zumindest nicht schriftlich. Sie sind nämlich für verschiedene Bühnenperformances entstanden. Ich kann mich erinnern, dass Daniel und ich uns einmal darüber unterhalten hatten, wie das überhaupt zu nennen sei, dieser Textvortrag, der ganz sicher keine Lesung ist, und den es nirgends gibt außer in seinem Kopf, und dann nur sporadisch ausgesprochen während des Auftritts auf der Bühne. Schwierig. Jedenfalls wurde sein letzter Auftritt als „Textperformance“ angekündigt, und das trifft es meiner Meinung nach sehr genau.

Jetzt sind die Texte aber doch als Buch erschienen. In kleinen Vignetten mit maximal acht oder neun Sätzen werden da absurde Begebenheiten erzählt; oft sind es Fakten aus vergangenen Zeiten, bei denen ich mir aber nie ganz sicher bin, ob es nicht doch bloß herbeifantasierte Legenden sind. Wie der Text „Baum“, über die Expedition des Ludwig Leichhardt, die beim Versuch der Durchquerung der australischen Wüste verschwand, ebenso wie die daraufhin losgeschickte Suchexpedition, und die Jahre später ausgesandte weitere Expedition. In Daniel Wissers Text wird diese Merkwürdigkeit fast nüchtern aufgeschrieben, und gerade deshalb sticht die Absurdität der in der Tat faktenbasierten Situation noch stärker hervor.

Genau dieses Absurde mag ich auch so sehr an Daniels Texten. Es sind die kleinen Randbemerkungen der großen geschichtlichen Ereignisse, die kleinen Nachrichten aus dem Chronikressort eine alten Zeitung, oder selbst erlebte Dinge, die Daniel Wisser hier aufzeichnet und verarbeitet. Und gerade diese teilweise fast schon banalen Dramen sind es, die mich umso stärker faszinieren, weil ich aus Gründen von Berufskrankheit (Filmdramaturgie, my ass) meistens das große Drama erwarte.

Für die dritte Episode meines Podcasts „schreiben.hören“ habe ich mich mit Daniel Wisser im Café Heumarkt getroffen, wo wir uns über den Übergang seiner Kurztexte von mündlich entstandenen zu schriftlich existenten Texten unterhalten haben, und über viele andere Dinge. Besonders ist mir Daniels Erzählung über die japanischen Tuschezeichner in Erinnerung geblieben, die den Berg Fuji in ihrem Leben 1000 mal zeichnen dürfen. Aber das bedeutet nicht, dass sie es 999 mal üben, um es dann beim 1000. mal „richtig“ hinzubekommen, sondern dass jede Zeichnung zählt. Das erinnert mich übrigens an das Seminar bei Heinrich Steinfest, das ich neulich in der Schule für Dichtung belegt hatte. Nach dem ersten Nachmittag habe ich ihn nach seiner Schreibmethode gefragt, also ob es so etwas gäbe wie Texte, die ihm helfen, in die Figuren hineinzufinden. Und er mir sehr bestimmt geantwortet hat, dass jedes Wort von Anfang an zähle. Es gäbe kein Üben, keine Probe. Quasi: Schreiben ist immer Schreiben. Was mir ein bisschen Angst gemacht hat. Aber vielleicht sollte ich den Wink mit dem Zaunpfahl endlich einmal wahrnehmen und es einfach mal so richtig konsequent fortführen, das mit dem Schreiben.

Aber ich schweife ab, wobei das ja auch eine eigene Kunst ist, wie Daniel mir in dem Interview für den Podcast erzählt hat, besonders wenn es gelingt, sich innerhalb weniger Sätze in ein anderes Thema zu verlieren. Aber jetzt genug geschrieben, es wird Zeit zum Hören.

Hier ist die dritte Episode meines Podcasts „schreiben.hören“, dieses Mal mit dem Autor Daniel Wisser. Viel Vergnügen!

p.s.: Hier gehts zu den tollen „Randnotizen“, die Daniel zur Zeit für den Steirischen Herbst schreibt.

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InesGelesen: Daniel Wisser „Kein Wort für Blau“ – mit Podcast

Gelesen: DER TRICK von Emanuel Bergmann

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Hinweis: Dankeschön an Vorablesen.de und an den Diogenes Verlag, die mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

Max ist zehn, als ihm seine Eltern sagen, dass sie gemeinsam Essen gehen wollen und er sich das Restaurant aussuchen soll. Da schrillen seine Alarmglocken, denn Max weiß von seinem Schulfreund Joey, dass das nur eines bedeuten kann: Sie wollen ihm sagen, dass sie sich trennen und er ab sofort ein Scheidungskind ist. Aber Max ist schlau genug, um Joeys Fehler nicht zu wiederholen, und deshalb sucht er sich ein Lokal aus, von dem es ihm egal ist, wenn es danach mit schlechten Erinnerungen behaftet sein wird.

Max überlegte einen Moment, dann sagte er: „Wie wär’s mit Sushi?“ Seine Eltern schauten ihn verblüfft an. „Bist du sicher , Schatz?“, fragte Mom. „Ja“, sagte Max. Es war ihm völlig egal, ob er jemals wieder rohen Fisch essen würde.

Guter Trick. Aber eigentlich beginnt die Geschichte ja in Prag, wo der Rabbinersohn Mosche Goldenhirsch (empfangen und geboren übrigens nur durch einen Trick, den seine Mutter Rifka ihrem Mann, dem Rabbi Laibl, spielt) dann im zarten Alter von fünfzehn Jahren 1934 im Zirkus einer persischen Prinzessin anheimfällt. Die ist natürlich keine echte persische Prinzessin, wie auch sonst im Zirkus nichts so ist wie es scheint. Aber Mosche ist bereits mit dem Bühnenfieber infiziert und schließt sich dem Zirkus an, um später als „Der große Zabbatini“ zuerst in Berlin und dann auch in den USA zu einigem Ruhm zu gelangen.

Emanuel Bergmann: Der Trick

Emanuel Bergmann: Der Trick

Und was hat das jetzt mit dem kleinen Max zu tun? Nun, der findet bei der Trennung seiner Eltern eine alte Schallplatte des großen Zabbatini, die ausgerechnet beim Liebeszauber einen Sprung hat. Und weil Max seine Eltern wieder zusammenzaubern will, muss er den inzwischen steinalten Zabbatini finden, damit der den Zauber an seinen Eltern vollführt. Ob ihm das gelingt, lest ihr am besten selbst nach.

Emanuel Bergmann erzählt in seinem Debutroman DER TRICK eine zwiespältige Hauptfigur. Der große Zabbatini ist mit seinen achtundachzig Jahren ein altersgeiler Misanthrop, den ich mehr als einmal empört der Tür verweisen wollte. Gleichzeitig konnte ich ihm nicht wirklich böse sein, vor allem dann im Verlauf der Geschichte, als ich immer mehr von seinem Leben mitbekam. Die beiden Handlungsebenen – Europa vor und während des 2. Weltkriegs, und Los Angeles 2007 – sind geschickt verwoben. Was mir aber besonders gut gefiel, ist das Thema des Tricks, der illusion und des Tricksens. Denn es gibt eigentlich keinen Abschnitt im Buch, in dem jemand im Leben ohne irgendeinen Trick auskommt. Und das ist ja am Ende auch eine Wahrheit: Dass man das Leben eben öfters austricksen muss. Das garantiert zwar immer noch nichts, denn sicher ist nur der Tod, aber manchmal schafft man es dadurch, eine kleine Lücke zu erwischen, in der man das Ruder doch noch zum eigenen Vorteil – oder zu dem der anderen, die einem wichtig sind – rumreißen kann.

Ich mochte auch die Sprache, die für mich eine angenehme Mischung aus Humor und Tiefgang hatte, ohne dass sich eines davon zu bemüht angefühlt hat. Das hat es mir leicht gemacht, auch an den Stellen mit Lust weiterzulesen, in denen ich dem Großen Zabbatini mal wieder kurz den Hals umdrehen wollte…

Emanuel Bergmann: DER TRICK. Roman. Diogenes Verlag, 400 Seiten, Hardcover.

Euch gefällt, was ich hier auf meinem Blog poste? Das freut mich! Ihr könnt gerne mal hier im Blog einen Kommentar hinterlassen, oder mir ein paar freundliche Worte per E-Mail schicken. Außerdem freue ich mich auch sehr über ein Buch von meinem Wunschzettel. Das kann ich dann alles lesen, wenn einmal einer dieser Momente um die Ecke kommt, in denen meine Motivation und Inspiration kurz Pause machen. Danke euch fürs Lesen und Mitreden und Dasein! <3

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InesGelesen: DER TRICK von Emanuel Bergmann

Gelesen: ETTA UND OTTO UND RUSSELL UND JAMES von Emma Hooper

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Hinweis: Danke an den Droemer Verlag, der mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.

Etta ist 83 Jahre alt, wohnt in Kanada, und hat noch nie das Meer gesehen. Und weil sie das ändern will, packt sie eines Tages ein bisschen Essen ein, zieht die festen Schuhe an, nimmt die Schrotflinte in die Hand und macht sich auf den Weg. Ihre Reise an die kanadische Ostküste ist über 3000 Kilometer lang. Währenddessen bleibt ihr Mann Otto zu Hause zurück und schreibt ihr Briefe, die sie nie bekommen wird (oder die er nie wegschickt, sondern für ihre Rückkehr aufhebt). Auf dem Weg erinnert sich Etta an ihr langes Leben, an Otto und an Russell. Und Otto erinnert sich zu Hause an seines und ihr gemeinsames. Und Russell, der Nachbar von Etta und Otto, erinnert sich auch, hält Ettas Verschwinden nicht aus und fährt ihr nach. Einiges Unausgesprochenes wird beim Aufeinandertreffen ausgesprochen, vieles nicht. Russell geht schließlich seinen eigenen Weg, während Etta weiter in Richtung Küste unterwegs ist. Bald schließt sich ihr James an, ein sprechender Kojote. Sie wird eine Berühmtheit, wird beklatscht und bejubelt, wenn sie in bewohnte Gebiete kommt, und bleibt trotzdem niemals stehen, bis sie am Ende das Meer sieht.

Etta und Otto und Russell und James, © Droemer Verlag

Etta und Otto und Russell und James, © Droemer Verlag

In einer stellenweise ironischen, manchmal auch naiven und trocknen Sprache erzählt die Autorin Emma Hooper in ihrem Romandebut ETTA UND OTTO UND RUSSELL UND JAMES die langen Lebensgeschichten ihrer Protagonisten nach. Erinnerungen blitzen auf, verschwinden wieder, vieles bleibt in der Schwebe, und bei einigem ist nicht klar, ob es sich um eine Einbildung oder um die Realität handelt. Und genau das hat mir ausgesprochen gut gefallen. An vielen Stellen schwebt die Geschichte irgendwo dazwischen, manchmal gewinnt das Fantastische (zum Beispiel wenn Etta mit dem Kojoten zu sprechen beginnt, als wäre das ganz selbstverständlich), aber nie wird es kindisch oder zu naiv. Es bleiben immer unausgesprochene  Zwischenräume offen, die neue Ebenen aufmachen. Das ist sicherlich auch der Übersetzung von Michaela Grabinger geschuldet, die mich mit ihrer eigentümlichen Sprache sehr begeistert hat. Ich mochte auch die Dramaturgie, die sich durch die Sprünge zwischen den Jahrzehnten ergibt: Wie sich mir die Vergangenheit schrittweise entblättert hat, und ich dadurch immer wieder einen neuen Blick auf die Gegenwart bekommen habe. Und ich mochte Emma. Und Otto. Russell mochte ich nicht so sehr, aber irgendwann habe ich verstanden, wieso er so ist wie er ist, und dann habe ich mich sehr mit ihm gefreut, dass er am Ende doch noch glücklich wird.

Es gibt gegen Ende eine Begegnung mit einer neuen Figur, die ich nicht unbedingt gebraucht hätte. Es kam mir so vor, als würde sie aus der Angst heraus auftauchen müssen, dass „zu wenig passiert“. Mir wäre das Innenleben von Etta aber an der Stelle genug gewesen. Doch diese Episode ist kurz genug um mich nicht groß zu stören. Insgesamt war es mir ein ausgesprochenes Vergnügen, Etta auf ihrer Reise begleitet zu haben. Und jetzt will ich auch wieder einmal ans Meer.

Emma Hooper: Etta und Otto und Russel und James. Roman. Droemer Verlag, 336 Seiten. (Hardcover mit Lesebändchen. Hey, ich liebe Lesebändchen. Jetzt wisst ihr Bescheid.)

 

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Gelesen: LUCY FLIEGT von Petra Piuk (mit Interview)

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Hinweis: Danke an den Verlag Kremayr & Scheriau, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Lucy will hoch hinaus, und zwar nach Hollywood. Nur hat ihr das Leben bisher keine ideale Startbahn geboten. Trotzdem versucht sie alles, um dem Gemeindebau zu entfliehen. Und wieder Erwarten hat sie es immerhin bis ins Flugzeug geschafft, wo sie ihrem Erfolg entgegenfliegt und wir ihrem inneren Monolog zuhören.

Petra Piuk: Lucy fliegt, Kremayr&Scheriau

Petra Piuk: Lucy fliegt, Kremayr&Scheriau

Lucy, die Protagonistin aus Petra Piuks Debutroman LUCY FLEGT, hat mich einigermaßen in Turbulenzen versetzt. Denn Lucy nervt. Ihr Größenwahn ist anstrengend, für sie, aber auch für mich als Leserin. Und im nächsten Moment kann sie einem wiederum einfach nur leid tun. Eine Woche nachdem ich den Roman, also eher: den Monolog, zu Ende gelesen habe, stehe ich ihr nach wie vor ambivalent gegenüber, dieser größenwahnsinnigen Göre, die nach jedem Tiefschlag wieder aufsteht und einfach weitermacht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Lucys Gedanken springen herum, von der Gegenwart im Flieger in die Vergangenheit und wieder zurück. Und ich muss zugeben, dass ich einige Zeit gebraucht habe, um in diesen Text hineinzufinden, aber weniger wegen der Sprache – das Abgehackte passt ja sehr gut zur Nervosität der Figur -, als vielmehr wegen Lucy. Ich habe sie nämlich am Anfang nicht so gut ertragen. Aber je mehr ehrliche und lichte Momente durch den Größenwahn blitzten, desto spannender fand ich sie und ihr merkwürdiges, trauriges und in manchen Ausnahmen dann doch großartiges Leben.

„Das wahre Ich zeigen. Woher soll ich bitte wissen, was mein wahres Ich. Man schaut ja in jedem Spiegel anders aus. Ist mein wahres Ich das da im verdreckten Klospiegel. Oder das in den Spiegeln der Umkleidekabinen, die so schön dünn machen. Keine Ahnung, was mein wahres Ich. Dabei mach ich eh ständig die Psychotests auf Facebook.“

Das denkt sich Lucy einmal, und das ist dann auch der Kern der Geschichte: LUCY FLIEGT ist eine Identitätssuche, die aber wenig aussichtsreich ist, weil Lucy sich so sehr nach außen orientiert und sich für die Außenwelt inszeniert, dass jede neue Hülle, die sie ausfüllen will, zwangsläufig zu groß oder falsch geschnitten ist. Aber anders kann Lucy ihre Identität nicht gestalten als von außen, denn ihr eigentliches Ich ist systematisch zerstört worden, durch die Familie und durch die Umstände. Da ist alles sehr früh zerbrochen, kommt mir vor, und zwar so sehr, dass es nicht mehr zusammengeklebt werden kann. Da bleiben dann nur mehr die Träume vom fernen Hollywood, um überhaupt noch etwas zu haben, für das es sich zu leben lohnt. Und das hat mich dann sehr berührt und beeindruckt.

Wie die Autorin Petra Piuk in die Rolle von Lucy geschlüpft ist, um sich ihre Protagonistin zu erarbeiten, hat sie mir in der zweiten Episode meines neuen Podcasts schreiben.hören erzählt. Wir haben uns dafür am Westbahnhof in Wien getroffen. Hier könnt ihr eine editierte und gekürzte Version des Interviews nachlesen. Alle Fragen und die ausführlichen Antworten könnt ihr hier im Podcast nachhören, in dem ich mit Autorinnen und Autoren über ihre Arbeitsweisen spreche.

Du hast mir einige Orte vorgeschlagen, wo wir uns treffen könnten. Und dann waren ein Zug und der Westbahnhof dabei. Ist das ein Ort, der dir was spezielles bedeutet, oder ist dir das spontan eingefallen?

Ich liebe Bahnhöfe und auch Flughäfen und überhaupt diese Hafenatmosphäre in Städten. Ich schreibe auch gerne in Zügen, und auch auf Bahnhöfen und an verschiedenen Orten. Es kommt immer darauf an, in welcher Schreibphase ich bin. Wenn ich am Anfang bin, um Ideen zu finden und Geschichten zu entwickeln, dann schreibe ich gern an öffentlichen Plätzen. Oft auch an Plätzen, die in der Geschichte eine Rolle spielen, oder eben in Zügen. Wenn ich dann im Prozess des richtigen Schreibens bin, dann brauche ich meine Ruhe. Dann bin ich am Schreibtisch, oder auch gerne in einer Pension mitten im Wald, oder in einer Almhütte – da brauche ich dann die Abgeschiedenheit und Ruhe. Das sind verschiedene Prozesse.

Ist bei dir der Prozess der Umsetzung und der der Ideenfindung voneinander getrennt oder ineinander verwoben?

Das ist total ineinander verstrickt, und ich kann es überhaupt nicht voneinander trennen. Im Fall von „Lucy fliegt“ hatte ich zuerst die Figur, und habe dann erst den Plot entwickelt, und der hat wieder die Figur verändert. Ich habe ganz viele Seiten geschrieben, die ich dann verworfen habe, aber die ich brauchte, um die Figur und die Geschichte kennen zu lernen. Als letztes kam dann erst die Form. Ich habe ganz verschiedene Formen ausprobiert – es gibt Versionen in der Vergangenheit, in der Gegenwart, eine Ein-Satz-Version… ich habe da ganz viel herumgespielt. Und als ich die Form hatte, hat die wieder den Plot verändert und auch wieder die Figur. Ich kann das eigentlich gar nicht trennen.

Die Rahmenhandlung deiner Geschichte ist ein Flug. Das spielt quasi in Echtzeit, aber dann auch wieder nicht, weil die Hauptfigur Lucy so viele Erinnerungen an die Vergangenheit hat, und wir sie immer besser kennen lernen. Ich habe gehört, dass du auch als die Figur Lucy wie eine Schauspielerin einen Flug hinter dich gebracht hast. Ich sage bewusst „hinter dich gebracht“, weil Lucy ja starke Flugangst hat. Ist das etwas, das du für dieses Projekt entwickelt hast, oder arbeitest du immer so, wenn du Prosa schreibst?

Ich komme eigentlich vom Schauspiel und habe auch nach der Schauspielstunde zwei Jahre eine Method Acting Ausbildung gemacht. Ich arbeite gern mit der Methode, und im Fall von Lucy habe ich mir die auch mit verschiedenen Techniken angeeignet. Eine dieser Methoden war der Flug, weil ich eigentlich gerne fliege. Aber ich habe auch schon einmal einen Flug erlebt, der der Horror war. Ich bin nach Chile geflogen, und da gab es heftige Turbulenzen über dem Atlantik. Ich konnte mich nicht ablenken, weil alles ausgefallen war, auch die Videos, und da hatte ich dann auch wirklich Angst. Ich habe dann versucht, mit verschiedene Techniken diese Angst wieder hervorzuholen und bin dann mit dieser „kontrollierten Angst“ geflogen. Ich habe alles, was sie gesehen und gehört hat, und welche Geräusche sie wie interpretiert, und welche Blicke der Stewardessen sie wie interpretiert, notiert, und versucht mit einer ganz anderen Wahrnehmung zu fliegen. Danach habe ich das niedergeschrieben. (…) Ich schreibe auch gerne in Ich-Form und habe auch in der Schauspielzeit am liebsten die Figurenbiografien geschrieben.

Wie machst du das – manche haben Notizbücher, manche haben keine, manche tippen es ins Handy oder iPad, manche merken es sich und gehen sofort in den richtigen Text. Hast du da eine bevorzugte Art? Was hast du zum Beispiel während des Flugs gemacht?

Da hatte ich mein Notizbuch. Wenn ich an öffentlichen Plätzen bin, schreibe ich gerne ins Notizbuch. Das sind dann Figurenskizzen und Handlungsskizzen. Wenn ich dann richtig am Text schreibe, dann schreibe ich gerne am Laptop oder am Standrechner. Ich habe schon immer Notizbücher mit. ich liebe auch Notizbücher in allen Formen und habe ganz viele davon.

Bei mir stapeln sich die angefangenen Notizbücher, und dann sind sie immer in der falschen Tasche. Hast du ein System?

Ich habe pro Projekt ein Notizbuch. Lucy hatte ein dickes Notizbuch, und das neue Projekt hat jetzt wieder ein eigenes. Und dann habe ich für zwischendurch immer so kleine, die dann immer dabei sind.

Führst du das dann an einem Ort zusammen? Ich suche ja immer noch nach einem System.

Das habe ich mir immer vorgenommen, dass ich das dann alles abschreibe – Figurenideen, und Schauplatzideen, und Erlebnisideen. Das hat aber auch nicht funktioniert. ich habe ganz viele Notizbücher, in die ich nicht mehr hineinschaue, die es nur einfach gibt. Ich habe dann einzelne Mappen angelegt, wo ich angefangen habe, Figurenideen in di eFigurenmappe zu geben. Aber da schaue ich in Wahrheit auch nicht mehr hinein. Ich glaube, die wichtigen Dinge sind dann ohnehin im Kopf. Aber vielleicht wird man irgendwann drin stöbern und findet dann etwas. (…) Bei den Romanen ist das aber etwas anderes. Da habe ich dann mein dickes Buch, und da schaue ich schon immer wieder hinein.

Für mich war das Lesend eines Romans ziemlich herausfordernd, weil mich Lucy auf den ersten 30 Seiten unfassbar genervt hat. Was ja ein gutes Zeichen ist, weil da etwas in mir resoniert hat. Aber wie geht man damit um, wenn man eine Hauptfigur hat, die sehr anstrengende, oder sogar unsympathische Seiten hat?

Ich finde das lustig, weil ganz viele Leute sagen, dass sie am Anfang die Figur hassen, aber dann immer mehr mit ihr mitfühlen. Das finde ich ganz schön. Ich habe die Figur nie als unsympathisch empfunden. Das muss man ja fast als Autor, weil du doch drei Jahre deines Lebens mit dieser Person verbringst. Und wenn du die die ganze Zeit unsympathisch findest, hast du ja gar keine Lust daran zu schreiben. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich ihre andere Seite kenne und weiß, wieso sie so ist.

Feedback ist ein Prozess, der mich auch noch interessiert. In einer Schreibgruppe bekommt man Feedback und Meinungen. Ist das etwas, das dir hilft? Holst du es dir bewusst rein? Wie planst du Feedbackschleifen?

Am Anfang arbeite ich für mich alleine, um zu schauen was ich wirklich schreiben will. Dann hole ich mir Feedback von Freunden, die kritisch sind. Ich habe auch eine Schreibgruppe, wo wir uns einmal im Monat treffen und da auch gegenseitig Kritik geben. Das ist wichtig, sonst verrennt man sich wo, und da ist derBlick von außen wichtig. Man lernt auch von den anderen Projekten viel.

Das gesamte Interview samt Bahnhofsatmosphäre könnt ihr hier im Podcast nachhören.

 

Euch gefällt, was ich hier auf meinem Blog poste? Das freut mich! Ihr könnt gerne mal hier im Blog einen Kommentar hinterlassen, oder mir ein paar freundliche Worte per E-Mail schicken. Außerdem freue ich mich auch sehr über ein Buch von meinem Wunschzettel. Das kann ich dann alles lesen, wenn einmal einer dieser Momente um die Ecke kommt, in denen meine Motivation und Inspiration kurz Pause machen. Danke euch fürs Lesen und Mitreden und Dasein! <3

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InesGelesen: LUCY FLIEGT von Petra Piuk (mit Interview)

Gelesen: WÜSTE WELT von Wolfgang Popp (mit Interview)

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Hinweis: Ich bin mit dem Autor Wolfgang Popp befreundet, habe aber das Buch regulär gekauft. Das Praktische an unserer Freunderlwirtschaft ist jetzt, dass ich Wolfgang zum Gespräch bitten konnte, um ihn über seinen Arbeitsprozess zu befragen. Der ist nämlich sehr besonders. Das Interview und meinen neuen Podcast findet ihr am Ende dieser Rezension.

WÜSTE WELT von Wolfgang Popp beschäftigt sich mit dem Verschwinden. Und mit einer Geisterjagd, in der keine Geister vorkommen. Zumindest keine, über deren Existenz ich mir nach dem Lesen des Buches wirklich sicher wäre.

Es geht um zwei Brüder, und der ältere der beiden erzählt uns die Geschichte einer Reise, die vom SMS seines jüngeren Bruders ausgelöst wurde. „Waren das Tage bis jetzt. Mit Ideen gespielt und mit Menschen getanzt. Und jetzt in den Süden, damit die Dinge sich klären. HG 3734. Oh brother, where art thou?“ steht in der Nachricht, und der ältere Bruder macht sich auf die Spur des jüngeren.

Wolfgang Popp: Wüste Welt, Edition Atelier 2016

Wolfgang Popp: Wüste Welt, Edition Atelier 2016

Die Reise durch Marokko wird bald zur Schnitzeljagd, und der jüngere Bruder scheint dem älteren immer einen Schritt voraus zu sein. Das ist, wie man während der Reise erfährt, ein vertrautes Symptom in deren Beziehung. Denn der jüngere hatte den älteren ärgerlicherweise immer in Windeseile eingeholt – in der Schule, im Studium, bei jeglichen Interessen. Außer beim Gesang. Das war das einzige Fachgebiet, das sich für den älteren Bruder als unschlagbar herausstellte. Also wurde er Sänger. Und jetzt fährt er durch die heiße Wüste und jagt eben diesem jüngeren Bruder hinterher, obwohl er ihn meistens schwer erträgt. Aber ohne ihn kann er offenbar auch nicht sein. Die Verfolgung bekommt etwas besessenes, als der ältere Bruder immer mehr Hinweise findet, die ihn mitten in die Wüste führen. Ob sich die beiden schließlich treffen, lest ihr am besten selbst nach.

Ich fand es spannend, wie sich die Reise bald wie die Jagd nach einem Phantom anfühlt. Irgendwann war ich mir nicht mehr sicher, ob der jüngere Bruder überhaupt existiert, oder ob sich hier der ältere Bruder selbst hinterher jagt, quasi Fight Club. Und das passt wieder zu den Geistern, die sich thematisch als roter Faden durch die Geschichte ziehen.

Die Reise verläuft in Stationen, die mit unterschiedlichen Begegnungen einhergehen. Manche wirken wie aus einer Zwischenwelt. Das hatte die Geschichte für mich sowieso zunehmend an sich: Etwas Flirrendes, wie die Hitze über dem heißen Sand, wo man dann nicht mehr weiß, wo der Himmel genau beginnt. Genauso wusste ich irgendwann nicht mehr, was wahr ist und was die Kopfgeburt des älteren Bruders. Und diese Verwirrung mochte ich besonders.

WÜSTE WELT ist aber nicht nur die Geschichte einer ungewöhnlichen Reise, sondern das Buch hat auch einen interessante Recherchegeschichte. Und darüber habe ich mit Wolfgang Popp gesprochen. Die gekürzte, redigierte Version steht hier im Blog; das ganze Interview mit noch mehr Fragen und den ausführlichen Antworten könnt ihr hier als Audiofile nachhören, das gleichzeitig die erste Ausgabe meines Podcasts schreiben.hören ist, in dem ich mit Autorinnen und Autoren über ihre Arbeitsweisen spreche.

Gibt es bei dir eine Trennung zwischen der Idee, und der Phase, wo du es aufschreibst, oder ist das bei dir ein Prozess?

Wolfgang Popp: Bei mir war es früher viel stärker zweigeteilt. Da hat es die Jäger- und Sammler-Phase gegeben, wo das Notizbuch mit Konzeptideen, ganz konkreten Szenen, Figurenvorstellungen, Ortsbeschreibungen, also wirklich mit allen Zutaten, die man für einen Roman braucht, gefüllt worden ist, und es dann nachher einen sehr komplexen Kompositionsvorgang gegeben hat, wie sich jetzt diese Scherben zusammenfügen lassen. In diese Scherben war ich relativ verliebt, und man weiß ja ganz genau, dass ein Roman nichts dringender nötig hat, als dass man seine Darlings killt. Und es war mir dann oft nicht möglich, diese Scherben wegzuhauen, weil jede Scherbe für sich allein eigentlich für mich einen gewissen Glanz gehabt hat, aber im Gesamtgefüge nicht gepasst hat. Das war wirklich ein Lernprozess, diese Dinge dann auch wegzulassen und gleichzeitig ist dann auch ein Mißtrauen entstanden gegenüber dieser in alle Richtungen offenen Sammelphase. Von diesem frei flottierenden, wo eben das Notizbuch eine wichtige Rolle gespielt hat, zu diesem viel stringenteren Schreiben, wo gewisse Dinge eher im Kopf gewälzt werden, und ich von diesem Aufschreiben weggekommen bin,  weil ich mir jetzt denke: Nur was für diese Story wirklich relevant ist, bleibt im Kopf, und kann hoffentlich im Moment des Schreibens wieder aufploppen.

Du hast für dein neues Buch die Methode des Reisens erwählt, und wie beim Method Acting für Schauspieler reist du in der Figur an die Orte des Geschehens. Aber an welcher Stelle im Prozess passiert das? Entsteht alles während der Reise, oder hast du den Plan im Kopf, damit du überhaupt in die Figur einsteigen kannst, um die Reise zu machen?

Wolfgang Popp: Beim vorigen Roman war eine Geschichte schon relativ fertig im Kopf konzipiert, dann bin ich an den Schauplatz Cambridge gefahren und habe dort ein Haus entdeckt, von dem ich gewusst habe: Da wohnt meine Figur. Nur hat diese Wohnung überhaupt nicht zur Figur gepasst, wie ich sie konzipiert gehabt habe. Trotzdem hat das für mich irgendetwas aufgemacht, und ich habe mich dann an den Vorgaben des Ortes festhaltend die Geschichte umgeschrieben. Die Geschichte und die ganze Figur hat dadurch einen doppelten Boden bekommen, und der ganze Geschichtenverlauf ist anders geworden. Beim jetzigen Roman habe ich viel weniger vorkonzipiert. Ich habe gewusst: Ein Mann sucht seinen Bruder. Ich habe gewusst, dass es zwischen denen ein gewisses Spannungsverhältnis, eine Hassliebe gibt. Und warum das Marokko geworden ist, könnte ich jetzt gar nicht mehr sagen. Ich glaube schon, dass ich die Wüste gebraucht habe, und das war jetzt für mich die naheliegendste Wüste. Ich wollte für mich nicht einen Exotismus verfallen, dass es nach Timbuktu geht, so mythen- und legendenbeladene Orte, sondern es sollte schon eine gewisse Zugänglichkeit haben. Marokko ist von den Urlaubsländern wie Ägypten gleichbedeutend – man setzt sich in Air Niki rein und kürzeste Zeit später ist man relativ unkompliziert vor Ort. Man begibt sich in die Figur hinein und fährt dann einfach die Orte ab und stellt sich einfach vor, man sucht jetzt wirklich jemanden, sucht nach Indizien. Was sind die Anhaltspunkte, mit wem rede ich, was sind die Spuren, um diese Person zu finden. Wim Wenders hat Ähnliches zu seinen Filmen gesagt –  dass er sehr oft einfach nur den Ort hat, und eine Figur da hinstellt, und den Rest macht dann die Bewegung des Ortes. Es wird dann immer irgendetwas passieren. Ich finde das sehr interessant, und ich möchte auch mit diesem Prozess weitermachen. Das derzeitige Buch wird in verschiedenen Kapiteln stattfinden, und manche Kapitel will ich rein fiktiv schreiben, und manche Kapitel mit dieser semidokumentarischen Methode, und da überlege ich mir wirklich, ob ich nicht einen Schauspieler dazunehmen soll. Der ist dann für mich die Figur, und ich bin dann die Figur nicht von innen, sondern von außen und beobachte, und rede mit ihm auch darüber, was jetzt mit ihm los ist, und gebe ihm dann auch gewisse Situationen vor und schaue mir an, wie er reagiert.

Du bist auf deiner Reise in die Figur des älteren Bruders, des Ich-Erzählers geschlüpft. War es während der Reise auch so, das du versucht hast dir vorzustellen, der, der die Hinweise auslegt zu sein, also der jüngere Bruder?

Wolfgang Popp: Nein, überhaupt nicht. Ich bin in den Rollen nie geswitcht, sondern habe mir überlegt, was er an Spuren entdecken könnte. Wenn irgendetwas in der Landschaft aufgetaucht ist, war das für mich die Idee: Jetzt könnte er dort wieder einen Hinweis hinterlassen haben, das kann der Suchende hier nicht übersehen.

Glaubst du, dass das Wissen über deine Vorgehensweise beim Schreiben die Leser beeinflusst? Man sucht ja dann vielleicht nach der Autobiografie. Hast du darüber nachgedacht?

Wolfgang Popp: Mich stört das gar nicht, weil jedes Buch zu einem gewissen Teil autobiografisch ist, und ich schlüpfe ja in die Figur hinein – ich mache da nichts anderes als jeder andere Autor auch. Und ich schreibe die Reise nicht eins zu eins ab. Ich suche mir auf der Reise gewisse Punkte, die ich dann aufnehme, es findet dann aber eine Fiktionalisierung des ganzen statt. Es sind ganze Episoden in dem Buch frei erfunden, es sind ganze Orte frei erfunden. Es ist dann nochmal die fiktionale Verfremdung nochmal so stark drüber, dass man in gewissen Fäden mich vielleicht erkennt. Das kommt bei jedem Autor vor. Es gibt das anrecherchierte Wissen, und dann gibt es eine Ebene, die als gelebter Erfahrungsschatz da ist, und ich glaube, dass sich der Autor immer aus diesen zwei Töpfen bedient.

Das gesamte Interview könnt ihr hier nachhören. Es ist der Auftakt zu meinem Podcast schreiben.hören. (Und entschuldigt bitte die heftigen Kaffeehausgeräusche im Interview. Nächstes Mal wirds besser!)

 

Euch gefällt, was ich hier auf meinem Blog poste? Das freut mich! Ihr könnt gerne mal hier im Blog einen Kommentar hinterlassen, oder mir ein paar freundliche Worte per E-Mail schicken. Außerdem freue ich mich auch sehr über ein Buch von meinem Wunschzettel. Das kann ich dann alles lesen, wenn einmal einer dieser Momente um die Ecke kommt, in denen meine Motivation und Inspiration kurz Pause machen. Danke euch fürs Lesen und Mitreden und Dasein! <3

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InesGelesen: WÜSTE WELT von Wolfgang Popp (mit Interview)

Gelesen: DAS MÄDCHEN MIT DEM FINGERHUT von Michael Köhlmeier

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Hinweis: Das Buch habe ich als Rezensionsexemplar gewonnen. Danke an Vorablesen.de und an den Hanser Verlag!

Soll ich, oder nicht? frage ich mich, als das neue Buch von Michael Köhlmeier auf Vorablesen.de auftaucht. Weil ich zwiegespalten bin, was Köhlmeier betrifft. Mich fasziniert sein Erfolg, und wie er sich so stark in einer bestimmten Nische etabliert hat, dass sie ihm keiner mehr wegnehmen kann. Aber genau das nervt mich auch – es ist dieser märchenonkelige Erzählstil, diese überbetonte Schlichtheit der Sprache, bis hin zur Naivität. Gleichzeitig habe ich noch nie ein Buch von ihm zu Ende gelesen. Bei seiner Nacherzählung der antiken Götter- und Heldensagen habe ich auf Seite 189 zu lesen aufgehört, weil ich genervt war, dass die Frauen entweder gerettet werden mussten, oder vergewaltigt wurden (meistens von Zeus), und wenn beides nicht zutraf waren sie sowas wie Furien. Als Kind hatte ich alle diese Geschichten verschlungen, in der Version von Herbert Mark. Als Erwachsene hatte ich dann einen anderen Blick darauf. Gut, da kann jetzt Michael Köhlmeier nichts dafür. Das zweite Buch, das in meinem Regal steht, heißt DEIN ZIMMER FÜR MICH ALLEIN, ich habe es vor fast 20 Jahren geschenkt bekommen und es bei jedem Umzug wieder ins Regal eingeordnet. Irgendwann habe ich es zu lesen angefangen, bin aber aus irgendeinem Grund nie ans Ende gekommen. Ich habe also etwas gegen einen Autor, den ich kaum kenne, und beschließe, endlich die Probe aufs Exmpel zu machen.

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut. Hanser, 2016

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut. Hanser, 2016

DAS MÄDCHEN MIT DEM FINGERHUT erzählt von einem kleinen Kind, das (fast) nichts spricht und von seinem Onkel im Winter in einer fremden Stadt mit fremder Sprache ausgesetzt wird. Es muss sich um eine europäische Stadt handeln, das ahnt man zuerst, und ist sich dann sicher, als einmal ein Fünfeuroschein erwähnt wird. Sonst weiß man nichts, so wie das Mädchen. Die Geschichte wird zwar auktorial erzählt, aber bleibt ganz nah an der Perspektive des Kindes.

Das fand ich schon in der Leseprobe spannend: Dass man nicht mehr weiß als das Mädchen. Man ist genau so verloren zwischen den fremden Eindrücken wie das Kind. Das lässt die Geschichte zeitlos wirken, ein bisschen wie ein Märchen, aber eher eines von Hans Christian Andersen als von den Gebrüdern Grimm. Das hat mich neugierig gemacht: Was ist das Geheimnis des Mädchens? Woher kommt es? Was hat der Onkel damit bezweckt, es plötzlich im Stich zu lassen? Und genau da wird es für mich mühsam. Denn die Geschichte kommt zwar äußerlich voran – das Mädchen landet im Heim, lernt dort zwei andere Kinder kennen, und eine kleine Odyssee beginnt. Aber innerlich tut sich wenig, und die Fragen werden nicht beantwortet. Es gibt auch keinen doppelten Boden, keine viel tiefere Ebene als diese Hülle der Geschichte eines (Flüchtlings?-)Mädchens, das mitten unter uns komplett verloren geht und nur damit beschäftigt ist, ihren Hunger zu stillen und nicht zu sterben.

Das mag eine ehrenwerte Botschaft sein, aber mir hat das nicht genügt. Dazu kommt noch der schlichte Stil, in dem kein Satz länger als zehn Wörter ist, und wenn doch, dann darf er nur in Form von Hauptsatzreihen existieren. Mir war das irgendwann zu monoton, zu einfach, ohne smart zu sein, oder mir durch die Schlichtheit neue Türen aufzustoßen.

Es gab außerdem Stellen, die ich pathetisch fand, und teilweise auch ärgerlich. Da erträumt sich das Mädchen, das nicht älter als sechs sein kann, eine Zukunft mit dem Buben, der sie begleitet, und darin ist sie die Ehefrau, die für ihn kocht, und er beschützt sie. Jetzt stimmt das zwar aus der Figur heraus, denn das ist vermutlich das einzige, was das Mädchen jemals als Geborgenheit bei Erwachsenen beobachtet hat, daher ist es logisch, dass das zum Sehnsuchtsort wird. Mir war das aber zu platt und auch auf eine Weise zu sozialromantisch. Spätestens da hatte mich die Geschichte endgültig verloren.

Wobei, ganz stimmt das nicht. Gegen Ende tritt noch eine Figur auf, sozusagen eine Hexe, die dem Mädchen scheinbar gutes will, aber böses schafft. Das fand ich wirklich interessant, und auch im Licht der aktuellen Entwicklungen im Umgang mit den Flüchtenden hierzulande sehr brisant. Weil ich das selbst am Rande beobachtet habe, wie eine gut gemeinte Hilfsbereitschaft plötzlich in Bevormundung kippt und sich dadurch offenbart, wie komplex das menschliche Miteinander oft ist. Das war aber dann auch die einzige spannende Ambiguität, die ich für mich in diesem Buch gefunden habe.

Vielleicht lese ich doch nochmal in die beiden anderen Bücher hinein, die in meinem Regal stehen. Vor allem in DEIN ZIMMER FÜR MICH ALLEIN, weil ich mich gerne an den Menschen erinnere, der es mir damals geschenkt hat. Und mich interessiert jetzt natürlich, was ihr von den Büchern Michael Köhlmeiers haltet. Habt ihr Empfehlungen, Meinungen? Schreibt sie mir in die Kommentare!

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut. Roman. Hanser Verlag, 140 Seiten.

 

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InesGelesen: DAS MÄDCHEN MIT DEM FINGERHUT von Michael Köhlmeier

Gelesen: EIN UNTADELIGER MANN von Jane Gardam

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Dass Isabel Bogdan über Menschen im allgemeinen und den Pfau im besonderen ganz wunderbare Geschichten schreibt, weiß ich ja schon. Aber sie ist nicht nur Autorin, sondern auch Übersetzerin, und zwar unter anderem von  Jane Gardams Buch EIN UNTADELIGER MANN. Und um das geht es heute.

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann, übersetzt von Isabel Bogdan

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann, übersetzt von Isabel Bogdan

Schon der Schutzumschlag gibt die Richtung vor: Ein kariertes Pullovermuster, das genau zum deutschen Titel passt, der anders als der englische Titel „Old Filth“ (ein Spitzname des Protagonisten) die Hauptfigur als untadeligen Mann ausweist. Und genau so stellt er sich anfangs auch dar: Edward Feathers war ein geschätzter Kronanwalt in Hongkong und verbringt jetzt seinen Lebensabend in England. Er ist ein pragmatischer Mensch, so scheint es, wenn seine Erinnerungen wie kleine und größere Nebelschwaden an ihm vorbeiwabern. Erinnerungen an das Ausgestoßensein als kleiner Raj-Waise (das waren britische Kinder, die in den britischen Kronländern Südostasiens geboren wurden), die Kälte des Vaters, die Sehnsucht nach einer Mutter, die engste Jugendfreundschaft, das berufliche Straucheln und die Erfolge, die Liebschaften und die Ehe.

Jane Gardam verwebt mit Leichtigkeit die Jahrzehnte von der Kindheit Edwards in Malaysien über die Schulzeit in England bis hin zum Erfolg als Anwalt in Hongkong. Während Edward Feathers seine Erinnerungen Stück für Stück hervorholt, um Bilanz zu ziehen – die untadeligen, und sukzessive auch die weniger makellosen – setzen wir sie beim Lesen zu einem langen Leben zusammen, bis sich am Ende ein Bild ergibt, das man anfangs nie vermutet hätte. Die Schlichtheit, mit der dieses doch sehr komplexe Gewebe aus Zeitebenen, Informationen und überraschenden Zusammenhängen daherkommt, beeindruckt mich immer noch.

Eigentlich war es für mich beim Lesen so, als würde ich dabei zusehen, wie ein Gemälde entsteht – über die ersten Striche auf der weißen Leinwand, bis man eine leichte Ahnung bekommt, was da gemalt wird, aber dann kommt doch wieder eine Schicht Farbe drüber, und noch eine, bis am Ende etwas entstanden ist, mit dem man nicht gerechnet hat (oder das man sich nicht vorstellen wollte, bis die eigene Erwartung übertölpelt wurde).

Und dann ist da noch die Sprache. „Mrs Ingoldby schrieb auch gelegentlich zurück, ihre Schrift sah aus, als wäre eine sehr kleine Spinne über das dicke Papier getaumelt und am Ende bei der blassen Unterschrift verstorben.“ (Übersetzung Isabel Bogdan, das sei hier bitte nochmals erwähnt.) Der Spinnensatz hat sich mir eingebrannt. Klar, es gibt gehaltvollere, emotionalere Sätze im Kontext der Geschichte. Aber dieser Satz zeigt so schön das Leichte, Spielerische, mit dem mich Jane Gardam verführt hat, um mir dann plötzlich wieder auf gut Wienerisch das Hackl ins Kreuz zu hauen. Und nebenbei habe ich noch schöne Worte aufgesammelt. „Fidibus“ zum Beispiel. Hach.

EIN UNTADELIGER MANN ist Teil einer Trilogie, und bereits im März 2016 kommt der zweite Band heraus. In EINE TREUE FRAU wird es um Betty gehen, die Frau von Edward Feathers. Auch dieser Band wird von Isabel Bogdan übersetzt sein, und ich freue mich schon sehr darauf.

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann. Roman, übersetzt aus dem Englischen von Isabel Bogdan. 352 Seiten, Hanser Berlin.

 

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InesGelesen: EIN UNTADELIGER MANN von Jane Gardam

Gelesen: DER PFAU von Isabel Bogdan

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Hinweis: Das Buch erscheint erst am 18.2., aber ich habe vorab ein Rezensionsexemplar gewonnen. Danke an Vorablesen.de und an den Verlag Kiepenheuer & Witsch!

In DER PFAU von Isabel Bogdan geht es zunächst mal um Lord und Lady McIntosh. Die wohnen ziemlich abgelegen in den schottischen Highlands und beherbergen ab und an Gäste. Zum Beispiel Liz, die Chefin der Investmentabteilung einer Bank, und ihre vier männlichen Mitarbeiter. Die beziehen samt Psychologin Rachel und Köchin Helen im Westflügel des Anwesens Quartier, um sich in der kargen Umgebung einem Teambuildingwochenende zu unterziehen. Dann geschehen aber – ausgelöst durch die Aktionen eines verrückt gewordenen Pfaus – allerlei kuriose Dinge, und es werden notgedrungen viel mehr Teams gebildet als Rachel es vorher zu hoffen wagte. Wer sich beim Hüttenbauen im Wald bewährt, und was der Hund Mervyn mit der ganzen Sache zu tun hat, lest ihr am besten selbst nach, ich will ja hier nichts spoilern.

Gewonnen! Danke, vorablesen.de und Kiepenheuer&Witsch.

Gewonnen! Danke, vorablesen.de und Kiepenheuer&Witsch.

Gleich vorweg: Ich habe alle Figuren so lieb gewonnen, dass ich mit ihnen sofort auf ein Glas Bier (oder Irn-Bru oder Cider) gehen würde. Und das, obwohl sich einige von ihnen am Anfang nicht besonders sympathisch benehmen. Isabel Bogdan schafft es, ihre kleine Truppe mit feiner Ironie, aber ohne Zynismus, sondern immer mit Respekt vor den Figuren zu erzählen. Überhaupt kommt die ganze Geschichte dermaßen sympathisch und im allerbesten Sinn unaufgeregt daher, dass ich gar nicht anders kann, als sie von Herzen zu mögen. Dabei gibt es eigentlich eine Menge Aufregung in der Geschichte vom PFAU, aber die wird eben subtil und mit Humor erzählt.

Moment, kurzes Intermezzo – da kann jetzt das Buch überhaupt nichts dafür, aber ich muss schnell einen Exkurs loswerden: Die Worte „sympathisch“ und „unaufgeregt“ sind in meinem Beruf als Filmdramaturgin unbeliebt. Für viele klingen sie nach „weichgespült“, „anbiedernd“ und „langweilig“. „Geschichten müssen doch laut sein, und weh tun, und kantig sein und verstören!“. Ja, in bestimmten Kreisen ist das Misstrauen gegenüber Geschichten, die beim Publikum ein Wohlfühlen bewirken, enorm. Und mich ärgert das. Jede Geschichte ist anders. Manche sind leise, und manche sind laut. Manche verstören mich (auf eine gute, aufweckende Art), und manche bewirken, dass ich mich rundherum wohl fühle. Für mich macht das letztlich keinen Unterschied, sofern die Geschichten genau so erzählt werden, wie es ihnen dient. Manchmal sind sie aber eher deswegen laut und verstörend, weil mich jemand – oft leider vordergründig und plump – provozieren will, und nicht, weil es die Geschichte und ihre Figuren wirklich verlangen. Und dann ärgere ich mich eben. So, Entschuldigung für die Unterbrechung, jetzt wieder zurück zum Roman.

Wo war ich? Ach ja, die Unaufgeregtheit: Es wäre ein Leichtes gewesen, den Plot dramaturgisch an einigen Stellen viel weiter aufzudrehen, damit er mehr Lärm macht. Aber gerade weil Isabel Bogdan das nicht tut, bringt die Erzählung die kleinen Alltagsabsurditäten zum Leuchten, die den Figuren Stolpersteine in den Weg legen.

Jetzt will ich aber dringend etwas zur Sprache sagen. In dem ganzen Buch gibt es nämlich keine einzige direkte Rede, dafür jede Menge Konjunktive. Das ist mir aber seltsamerweise erst dann so richtig aufgefallen, nachdem ich irgendwo auf Facebook einen Kommentar dazu gelesen habe. Nun könnte man meinen, dass das eine ziemlich konstruierte Sache ist, ein Spleen der Autorin vielleicht. Aber für mich fasst es genau das in Worte, was der Kern des Konflikts aller Figuren ist: Sie üben sich permanent in höflicher Zurückhaltung. Das kommt vermutlich daher, dass sie Engländer sind, aber es ist auch der Situation geschuldet – weder will die Chefin sich vor ihren Angestellten eine Blöße geben, noch umgekehrt. Auch die Psychologin, die das Teambuildingwochenende leitet, glaubt einiges verlieren zu können, und alle anderen auch. Dann gibt es noch die einen oder anderen Geheimnisse um den Pfau, und mehrere Parteien haben Gründe, die bloß nicht ans Licht kommen zu lassen. Da hält man lieber höflich Abstand, wegen der Sicherheit und des Gemeinwohls sozusagen. Und genau das löst der Konjunktiv aus: Eine gewisse höfliche Distanz, oft gepaart mit einer im Raum schwebenden Möglichkeit, aber man würde sich jetzt lieber nicht so gerne wirklich festlegen. Ich weiß nicht, ob das von vornherein so gedacht war, oder ob bloß ich das jetzt so interpretiere, aber das ist ja auch egal. Ich finde das nämlich großartig.

Ihr seht schon, DER PFAU hat mir ein großes Vergnügen bereitet. Nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch, weil das Buch so schön gemacht ist. Es hat ein rotes Lesebändchen, und die Pfauenfedern am Schutzumschlag glänzen so schön blau, dass man sie sofort attackieren würde, wäre man der verrückte Pfau aus dem Buch (der wir aber zum Glück nicht sind, soviel sei nach dem Lesen der Geschichte schon mal verraten). Also, wegen Inhalt und Umschlag lege ich euch den PFAU ans Herz, wenn er am 18.2. erscheint. Viel Spaß beim Lesen!

 

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InesGelesen: DER PFAU von Isabel Bogdan