Über das Klavierspielfeuer

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2020 hatte ich eigentlich nicht viel vor, außer eine berufliche Veränderung sanft voranzutreiben. Eines hatte ich aber ganz sicher nicht geplant: Jeden Tag auf einem Klavier zu spielen. Dass ich das trotzdem seit einigen Monaten mache, finde ich immer noch seltsam und wunderbar zugleich.

Als Österreich Mitte März 2020 in den ersten Lockdown ging, habe ich mein unangenehmes Gefühl der Ungewissheit durch eine lange Liste mit Plänen bekämpft. Ungefähr so: Ich werde einen Roman schreiben, im Wohnzimmer Yoga machen, die ungelesenen Bücher in Angriff nehmen, regelmäßig auf dem Keyboard spielen, einen ordentlichen Liegestütz machen lernen, alle digital verfügbaren Museen im Internet besuchen, Brot und Pizza backen und viel kochen. Was man halt so plant während einer weltweiten Pandemie. Kurz gesagt: Ich wollte eine neue Ines aus mir machen.

Davon habe ich dann natürlich fast nichts gemacht. Ich bin erstmal die Ines geblieben, die ich immer schon war. Zusätzlich hat mich für einige Wochen eine Art Schockstarre erwischt, wegen der Überforderung, der Ungewissheit und des ganzen Rests. Bis auf eine Sache: Ich habe mich immer wieder an das alte Keyboard in meinem Schlafzimmer gesetzt, das mir eine Freundin vor vielen Jahren geschenkt hat. Ich habe die fast 30 Jahre alten Klaviernoten herausgesucht, die ich aus irgendeinem Grund bei jedem Umzug mitübersiedelt hatte. Anfang Mai habe ich dann Damir angerufen, einen Bekannten aus Salzburg, der Klavierlehrer ist und mir auf Facebook gesagt hat, dass er auch online unterrichtet. (Kurze unbezahlte Freundschaftswerbung: Egal ob ihr in Salzburg seid oder wie ich woanders lebt – der Unterricht mit Damir Sertić funktioniert online sowie offline hervorragend. Habe ich für euch getestet. Große Empfehlung!). Seitdem sitze ich jeden Tag am Klavier, spiele ein Stück nach dem anderen, und schwebe immer noch staunend durch die Welt der Klassischen Musik wie Alice, die in ihr Wunderland gefallen ist.

Ein bisschen Schuld daran ist auch der Pianist Igor Levit, dem ich ab Mitte März dabei zugehört habe, wie er über die Musikstücke gesprochen hat, die er damals jeden Abend aus seinem Wohnzimmer gestreamt hat. Ich habe erlebt, wie er sie als „umarmend“, „vulkanisch“ oder „wütend“ bezeichnet hat, und bin dann in den Bach und den Beethoven reingekippt. Und ich habe zum ersten Mal gefühlt, wie die Noten in dem Stück “Palais de Mari“ von Morton Feldman zuerst in meinen Kopf, und dann durch meinen Körper getropft sind, bis sie in meinem Herz gelandet sind.

Dann habe ich entdeckt, dass ich solche Gefühle beim Klavierspielen selbst herstellen kann. Und es hat in mir zu brennen begonnen. Dieses Feuer ist seitdem nie wieder verloschen. Das ist immer noch ein Wunder für mich – dass ich etwas spiele, das sich ein anderer Mensch vor hunderten Jahren ausgedacht hat, und das für den kurzen Augenblick, in dem ich die Taste am Klavier drücke, wieder lebendig wird und mich zum Fühlen bringt. Dass dieser Moment nur ein einziges Mal existiert und dann wieder verschwunden ist. Und trotzdem so viel in mir auslösen kann, immer wieder.

Ich bin so erstaunt und vor allem dankbar dafür, dass ich das völlig unerwartet erleben kann, wieder und wieder. So, so dankbar.

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Mein erstes Mal… mit H. P. Lovecraft

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Neulich habe ich bei mir ums Eck im Bücherschmaus eine Sammlung von Kurzgeschichten von H.P. Lovecraft gefunden. Die hat einen gewissen Ehrgeiz in mir geweckt, weil da groß „Cthulhu“ draufstand. In Violett, und im alten Suhrkamp-Design. Jetzt ist es so, dass ich H.P. Lovecraft nur dem Namen nach kannte. Genau wie den sagenumwobenen Cthulhu. Von dem wusste ich nur, dass er ein Monster mit irgendwelchen Tentakeln war.

Mein purpurner Cthulhu

Mein purpurner Cthulhu

Um Horror, Übernatürliches und Geister habe ich bei Filmen und in Büchern bisher immer einen Bogen gemacht – ich bin nämlich ein bisschen schreckhaft. Und ich will mich nicht fürchten, wenn ich beim Einschlafen lese. Oder im überfüllten Freibad. Es soll ja schon passiert sein, dass mir ein kleiner Schrei auskommt, wenn etwas Arges in einem Buch passiert, und wie stehe ich denn dann wieder da, bitteschön? Der Cthulhu ist mir trotzdem nicht entgangen, weil man schließlich nicht um ihn herumkommt, so als populärkultureller Mensch. Zum Beispiel in Gestalt von Davy Jones, dem Kapitän der Flying Dutchman in „Pirates of the Carribean“. Aber ich hatte bloß eine vage Vorstellung, dass dieses Wesen irgendwie mit übernatürlichen Sachen und vielleicht auch dem Weltall zu tun hat – oder war das das fliegende Spaghettimonster? Na, ihr seht schon, ich habe einfach keine Ahnung.

Aber zurück zum Buch. Ich hatte schon lang keinen Pageturner mehr auf dem Nachtkastl liegen. Bücher ohne Durststrecken sind bei mir ein Glücksfall (und welche mit Durststrecken eine Qual, weil ich es immer noch nicht gelernt habe, Bücher, die mich nicht mehr interessieren, einfach wegzulegen). Dieses Buch besteht aus sechs Kurzgeschichten, und bis auf die vorletzte ist keine über 30 Seiten lang. Sehr gut, habe ich gedacht, wenn sich eine davon zieht wie Kaugummi, kommt wenigstens schnell die nächste.

Aber was soll ich euch sagen – nirgendwo auch nur eine Spur von Kaugummi! Ich war von Anfang an begeistert von diesen mysteriösen Welten, die sich hinter versteckten Türen und Fenstern, auf Dachböden, oder in spärlich bewohnten Landstrichen aufgetan haben. Das lag auch an der Übersetzung, die H.C.Artmann geschrieben hat. Ihm ist es zu verdanken, dass ich wunderschöne Worte wie „ghoulisch“ gelernt und das Wort „Pandämonium“ wieder gefunden habe. Ohne diese Übersetzung hätte mich die Atmosphäre der Geschichten wohl nur halb so wuchtig eingehüllt.

Und noch etwas ist mir aufgefallen: Die Dramaturgie der Abfolge der Geschichten. Sie steigern sich vom kleinen Schrecken bis zur Weltbedrohung aus der Tiefe und dem Kosmos. Aber alle haben etwas gemeinsam: Dass es die Figuren zu dem Unerklärlichen und Abgründigen hinzieht, und sie mit dem, was sie da erfahren, nicht umgehen können. Insofern ist das alles natürlich auch ein gar nicht so sehr versteckter Blick in unsere eigenen Abgründe.

Besonders schön habe ich ja gefunden, dass ich hier etwas völlig Neues für mich entdeckt habe, und zwar ganz unvermutet. Weil ich zuerst so: „Naja, liest du halt mal hinein, damit du diesem Popkulturphänomen auf die Spur kommst. Kann ja nicht schaden.“ Und dann lande ich plötzlich in einer neuen Welt, die mich richtig begeistert.

LOST

LOST

So etwas passiert mir immer seltener, diese kindliche Freude an etwas, das mich so richtig fesselt. Das letzte große Mal hatte ich das, als ich die Serie „Lost“ für mich entdeckt hatte. Besonders am Ende der dritten Staffel, als sich die ganze Erzählung durch einen kleinen dramaturgischen Kniff umdreht. Da hatte ich natürlich als Filmdramaturgin auch viel Bewunderung für das Handwerk, aber „Lost“ hat es immer wieder geschafft, mich  zu begeistern. (Bis auf die letzte Staffel, die war unverzeihlich schlimm. Aber naja.)

Ich weiß nicht mehr, zu welchem Anlass es war – ein Buch? Eine Serie? -, jedenfalls hat mal jemand, der diese Sache schon kannte, gesagt: „Ich beneide dich darum, dass du das alles zum ersten Mal entdecken kannst!“. Und er hatte recht. Deswegen finde ich es überhaupt nicht mehr schlimm, wenn man angeblich „wichtige“ Filme, Serien und Bücher noch nicht kennt. Wenn man Glück hat, wird man nämlich total begeistert sein und es für sich zum ersten Mal entdecken. Und das kann man durch nichts ersetzen.

Wobei mich dieser Tweet von Anke hoffen lässt, dass manche erste Male vielleicht doch wiederholbar sind…

Falls ihr auch solche Entdeckungserlebnisse hattet, schreibt mir doch. Begeisterung teilen ist so eine neue Passion von mir. Aber das wisst ihr ja schon.

p.s.: Das Buch sieht in der aktuellen Ausgabe nur mehr halb so schön wie vorher aus. Aber der Inhalt ist derselbe.

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InesMein erstes Mal… mit H. P. Lovecraft

Eine Runde Euphorie, bittedanke.

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Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber seit Monaten bin ich genervt, wenn ich in meinen wirklich heiß geliebten sozialen Netzwerken unterwegs bin. Das hat mit den Algorithmen zu tun, die bestimmen, was ich auf meinen Newsfeeds in Facebook und Co zu sehen bekomme. Aber es hat seit gefühlt einem halben Jahr (na, wahrscheinlich sogar länger) mit dem Tonfall zu tun, in dem viele Posts verfasst sind.

Ich sitze also in der Früh so rum, bin noch nicht ganz wach und froh darüber, dass ich es immerhin schon geschafft habe, mein Kaffeehäferl in Reichweite zu bringen. Dann schau ich mal so, was sich im Netz tut. Das mache ich schon lange so. Quasi Gewohnheit. Seit einiger Zeit passiert dann folgendes: TRUMP IST SCHEISSE! DER INNENMINISTER IST SCHEISSE! DER BAU DES HOCHHAUSES/DER PIPELINE/DES KRAFTWERKS IST SCHEISSE! DIE POLITIK IST SCHEISSE! RADFAHRER SIND SCHEISSE! AUTOFAHRER SIND SCHEISSE! DER EINE FILM IST SCHEISSE! MEIN NACHBAR IST SCHEISSE! DIE GANZE WELT IST SCHEEEEEEISSSSSSEEEEEE!

Und ich reflexhaft so: STIMMT! ALLES SCHEISSE! ALLES VERFICKTE KACKSCHEISSE! DIE GANZE WELT IST SCHEEEEEEISSSSSSEEEEEE!

Aber innerlich bin ich mehr so:

WANN IST MEIN INTERNET EIGENTLICH ZU EINER EMPÖRUNGSMASCHINE MIT KLEMMENDER CAPSLOCKTASTE VERKOMMEN?

Nein, das liegt nicht an meiner „Filterbubble“, davon bin ich ziemlich überzeugt. Denn die Energie, die aus den anderen Bubbles kommt ist ja dieselbe, nur richtet sie sich nicht gegen Trump und den Innenminister, sondern gegen MexikanerInnen, MuslimInnen und Hochhaus-/Pipeline-/KraftwerksgegnerInnen. Naja, so ungefähr – ihr versteht schon, was ich meine. Mir gehts hier um was Grundsätzlicheres, über das ich gerade nachdenke.

Also: Empörung ist eigentlich eine sehr leiwande Energie. Weil sie aktiv ist, genau wie Wut. Sie bringt einen Motor zum Laufen. Sie macht, dass man den Arsch hoch kriegt oder zumindest drüber nachdenkt. Finde ich gut. Sie funktioniert aber nur, weil sie gegen etwas ist. Man empört sich über etwas, das einen stört. Man ist gegen eine Person oder Sache. Man leistet gegen etwas Widerstand. Und das ist mein Punkt: Auf jeden Fall ist es negativ in dem Sinn, dass es mit dem Ankämpfen gegen etwas zu tun hat.

Jetzt habe ich neulich wieder mal einen meiner Lieblingsfilme gesehen, und diese Szene ab Sekunde 35 bringt mich (neben vielen anderen Szenen in diesem Film) immer noch innerlich zum Brennen:

Und plötzlich ist mir klar geworden, wie selten ich das inzwischen habe – dieses positive, enthusiasmierte Brennen für etwas. Dieses starke Gefühl von Euphorie. Diese lebendige Lebensbejahung. Das erstaunliche an diesem Film ist ja, dass er in einem tristen Milieu spielt, und dass da ganz schrecklich deprimierende Sachen vorkommen: Umweltkatastrophen. Ein Staat, der seine Bürger im Stich lässt. Armut. Aggression. Gewalt. Und natürlich Tod. Trotzdem hat mich kaum ein Film oder Buch der letzten Jahre so lebendig und begeistert fürs Leben und die Menschen hinterlassen wie Beasts of the Southern Wild.

Als ich den Film neulich zufällig im Fernsehen erwischt habe, bin ich natürlich wieder hängengeblieben, und eines hat mich nicht mehr losgelassen: Dieser Eindruck, dass der ganzen Empörung, so wichtig sie auch sein mag, kaum eine Euphorie gegenübersteht, die mich mit diesem Gefühl von Lebendigkeit auffüllt. Mich macht Empörung auf Dauer leer und ängstlich. Die Euphorie füllt mich hingegen auf und macht mich stärker. Finde ich interessant. (Hm, geht das eigentlich nur mir so?)

Ok, und was jetzt? Let’s start with baby steps. Ich habe für mich beschlossen, einfach mal mehr auf die Euphorie zu achten. Ich merke nämlich, dass ich irgendwie aus der Übung bin, sie zu sehen. Deswegen fange ich erstmal damit an, sie hier zu sammeln, und zum Einstieg gibts jetzt gleich ein paar Filmmomente.

Das hier ist eine tolle Szene aus Where The Wild Things Are (aber Achtung: In der ganzen Euphorie sollte man nicht wen anderen in den Abgrund schupfen, das wäre eher ungünstig).

Dann kommt hier eine Szene aus dem wunderbaren Film Mein Nachbar Tortoro. Es gibt sie nicht auf Youtube, aber ich beschreibe sie euch einfach: Das kleine neugierige Mädchen Mei entdeckt im Wald beim Spielen den Waldgeist Tortoro. Der ist sehr groß und kann ganz fürchterlich brüllen. Das grandiose an dieser Szene ist aber, dass Mei einfach keine Angst hat, sondern dabei vor lauter Freude auf dem Bauch von Tortoro herumhüpft, als gäbe es nichts schöneres von so einem Monster angebrüllt zu werden. Euphorie hat anscheinend irgendwas mit Mut zu tun. (Am Anfang dieses Trailers sieht man einen Ausschnitt aus dieser Szene.)

Oh, übrigens finde ich es ja schon auch interessant, dass in allen drei Filmen Kinder die Hauptrollen spielen… Ich schließe daraus, dass es nicht schaden kann, ab und zu ein bisschen mehr Kind zu sein, was die Begeisterungsfähigkeit betrifft. Und apropos „begeistern“: Das hat ja bedeutungsmäßig auch viel mit Euphorie im Sinn von „Hochstimmung“ zu tun. Etymologisch heißt es „mit Geist, Inhalt erfüllen, beseelen, beleben“. Passt.

Wenn ihr jetzt auch mehr Euphorie in eurem Leben haben wollt, dann macht es einfach. Nicht, um die Empörung auszuschalten (die brauchen wir auch sehr dringend), sondern einfach, um das Leben um die Begeisterungsfacette zu bereichern. Das leiwande am Internet ist ja, dass man seine Euphorie so leicht teilen kann: Auf Blogs, Facebook, Twitter. Erzählt den Leuten auf Snapchat und in den Instagram Stories von dem, was euch begeistert. Erwähnt das, was euch in gute Laune und Euphorie versetzt, im echten Leben bei Gesprächen mit der Familie und Freunden. Fragt andere, was sie zum Leuchten bringt. Das kann auf keinen Fall schaden. Dann lernen wir uns auch gleich besser kennen.

Also: Was bringt euch zum Brennen, was versetzt euch in Euphorie und reisst euch zu Begeisterungsstürmen hin? Und warum? Wenn ihr wollt, könnt ihr mir gerne hier in den Kommentaren davon erzählen.

Steven Universe is happy. Be like Steven.

Steven Universe is enthusiastic. Be like Steven.

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InesEine Runde Euphorie, bittedanke.