Über das Konzipieren (und Pitchen) von Serien

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Ich werde immer wieder gefragt, wie man ein Konzept für eine Serie schreibt. Dabei geht es zwar auch um den Inhalt, aber viel mehr um die Form. Jetzt habe ich gerade gesehen, dass der Shop des Script Magazines ein „TV Pilot Kit“ kostenlos zum Download anbietet. Es besteht aus vier kurzen Word-Dokumenten, die einige Fragen vorgeben, anhand derer man das am Anfang übliche Chaos etwas lichten kann, und zwar was das Konzept, die Outline des Piloten und die Beziehungen zwischen den Figuren betrifft.

Ansonsten wär zur Serienentwicklung viel zu sagen, aber das überlasse ich lieber den Feuilletons, die machen das ohnehin gerade ziemlich leidenschaftlich.
Mein persönliches Fazit der Feuilletondiskussion, wo immer steht dass in Amerika serienmäßig alles viel toller ist als bei uns: Es ist ja super, wenn wir alle die amerikanischen, großartig erzählten Serien gerne mögen, aber die Arbeitsbedingungen für AutorInnen, die Traditionen, die Sehgewohnheiten, die den ZuseherInnen über lange Zeit anerzogen wurden, und vor allem das Finanzierungssystem sind hier fundamental anders. Das sind für mich Fakten, die man gut oder schlecht finden kann, aber sie existieren nun mal. Wenn ich mich prinzipiell darauf einlasse, trotzdem Stoffentwicklung fürs Fernsehen zu machen, gibt es immer noch einigen kreativen Spielraum innerhalb des Systems. Wenn man unter den oben genannten momentanen Bedingungen prinzipiell aber nicht arbeiten kann oder möchte, wird es schwierig. (Ihr merkt, ich sehe das recht pragmatisch.)

Was ich aus der Praxis sagen kann (aber das kann in anderen TV Redaktionen anders sein als bei mir im aktuellen Fall):

Nachdem tolle Serien aus den USA bei uns in der Primetime oft nicht so gut laufen, bin ich sehr vorsichtig mit Pitches wie „Unsere Serie ist wie MODERN FAMILY meets SHAMELESS.“ Diese amerikanischen Serienvorbilder haben oft einen Tonfall und Qualitäten, die uns StoffentwicklerInnen und AutorInnen vielleicht gut gefallen, die man in den Redaktionen dem breiten Publikum zur Primetime aber meistens nicht zutraut. Das verunsichert nur, deswegen würde ich es einfach weglassen. In Drehbuchmeetings frage ich dann lieber die RedakteurInnen persönlich ganz gezielt, ob sie sich vom Tonfall her eher etwas wie X oder Y vorstellen, um sicherzugehen, dass man am gleichen Strang zieht. Wenn das nicht der Fall ist, kann man die verschiedenen Vorstellungen gleich diskutieren. Sonst entwickelt man den Stoff aneinander vorbei und alle sind frustriert. Und das möchte man ja klarerweise nicht. (Notiz: Das hat nichts mit Anbiedern zu tun, sondern mit Frustreduktion. Die AutorInnen und ich verteidigen natürlich bestimmte Inhalte und können dann die RedakteurInnen auch oft überzeugen, aber wir sind hier beim  Fernsehen, und das ist ein pragmatisches Gewerbe, wo es um Aufträge und Geld geht. Das sollte man immer im Auge behalten. Trotzdem kann man sehr viel Spaß haben, und ich mache meistens gute und kreative Erfahrungen.)

Auch wenn das Raster, das das oben verlinkte TV Pilot Kit vorgibt, sehr grob ist, finde ich es doch hilfreich, weil es einen zwingt, Fragen zu beantworten, ohne die man kein fundiertes Konzept schreiben kann. Ich erlebe es immer wieder, dass erst bei der dritten oder vierten Umarbeitung des Konzepts die elementaren Fragen gestellt werden, die einige Umwege verhindert hätten, wenn sie gleich am Anfang ins Spiel gekommen wären. Was sind die großen Hauptkonflikte der Figuren? Was ist der (emotionale) Kern der Serie, der sich über mehrere Staffeln halten kann? Welchem Schema folgt man in jeder Folge wieder (also bezüglich Aufbau, A-, B- und C-Plot; wer ist Hauptfigur (eine oder Ensemble); klassische wiederkehrende Schlusszene; wieviel wird horizontal erzählt, wieviel abgeschlossen etc.)? Wie soll der Look sein?

(No-)Newsflash: Rein horizontal erzählte Serien haben nach wie vor keine Chance am deutschsprachigen Markt. Auch wenn es kein Krankenhaus- oder Krimigenre ist, folgt man dem Schema „70% abgeschlossener „Fall“, 30% horizontal weitererzählte Storylines“. Die Horizontale sind die privaten Geschichten, der „Fall“ ist auch beim Drama- oder Comedygenre existent. Der Satz, den ich immer wieder höre, ist „Man sol auch noch mitkommen, wenn man zwei Wochen nicht eingeschaltet hat“. Für alle, die das blöd finden: Such is tv life, honey.

Kleiner Pro-Tipp am Ende: Liebe AutorInnen, bitte schreibt bei den Besprechungen mit der Redaktion ein Protokoll mit allen Entscheidungen, die bezüglich der Figuren, Inhalt, Aufbau, Tonfall – also einfach allem – in der Besprechung getroffen werden. Dieses Protokoll lasst ihr dann von ProduzentIn und DramaturgIn (bzw. wer sonst noch produktionsseitig anwesend war) absegnen, und die ProduzentIn schickt das dann mit der Bitte um Bestätigung kurz nach der Besprechung an die Redaktion. Wenn dann nämlich das übliche passiert, sprich: Es hieß „auf keinen Fall Cliffhanger!!“, und bei der nächsten Besprechung wird man gefragt, wo denn nun die Cliffhanger wären, dann hat man die vereinbarten Veränderungen schwarz auf weiß und kann anders argumentieren.

(Ach, es gäbe noch viel zum Thema Serienentwicklung zu sagen, z.B. wie man jetzt ein Konzept im Detail aufbauen kann, aber heute ist Sonntag und ich muss jetzt ein Nickerchen machen, weil heute Nacht sind nämlich die Oscars. Und die werden bei mir traditioneller weise live angeschaut. Aber das wisst ihr ja wahrscheinlich.)

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Der Pitch, Fortsetzung

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Kurz nachdem ich meinen letzten Eintrag über das Pitching von Drehbüchern geschrieben hatte, bin ich über diesen wirklich guten Artikel auf Blake Snyders Save The Cat Blog namens „The Most Common Pitch Meeting Mistake“ gestoßen.

Pitch Consultant Stephanie Palmer schreibt, dass man den Entscheidungsträgern in einem Pitchmeeting nicht sagen soll, wie sie die Geschichte beurteilen sollen. Volle Zustimmung meinerseits. Wer so etwas wie „Das wird ein Kassenschlager“ oder „Das ist das beste Drehbuch das Sie heuer auf dem Tisch hatten“ sagt, disqualifiziert sich fast automatisch. Denn solche Sätze wirken arrogant und nerven die anderen. Denn jeder will sich bitteschön selbst ein Urteil darüber bilden ob der Stoff das Zeug zum Kassenschlager hat oder nicht.

Ich muss noch anfügen dass ich solche Sätze auch immer wieder in schriftlichen Pitches lese. Ich bin mir sicher dass es die AutorInnen dabei nur gut meinen – sie wollen zeigen dass sie ihre Hausaufgaben gemacht haben und wissen, wie sie ihr Projekt am Markt positionieren wollen. Aber es kommt einfach immer als etwas arrogant und teilweise auch peinlich rüber. Deswegen rate ich dazu solche Sätze zu vermeiden. Dankeschön.

P.S.: Ich habe mich auch auf Stephanie Palmers Website Good In A Room umgesehen, die eine wahre Fundgrube über Pitching in der Filmindustrie ist. Zum Beispiel finde ich diesen Artikel hier, über die ideale Struktur eines Pitch Meetings, wirklich gut.

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InesDer Pitch, Fortsetzung

Der Pitch

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Von Zeit zu Zeit halte ich ja Vorträge zum Thema „Pitching“. Das kann ich mir ab jetzt sparen, weil man in diesem Video fast alles darüber lernen kann. Tony Gilroy (Autor und Regisseur) bekommt hier bei einem Interview einige Loglines gepitcht und sagt seine Meinung zu den Stoffen.

Exkurs: Lasst uns bitte nicht vergessen: Filmemachen ist IMMER eine teure und aufwändige Angelegenheit, wenn es professionell und ohne elendige Selbstausbeutung von statten gehen soll. Will man sein Drehbuch verkaufen, dann muss man seine Hausaufgaben machen und sich mal kurz in die Schuhe des Produzenten/ der Produzentin begeben und seinen Stoff von außen betrachten. Und genau das zeigt dieses Video sehr gut, finde ich.

Die für mich wichtigsten Punkte:

  • Die hohen Kosten für ein Projekt zeigen sich fast immer schon in der Logline.
  • Das Risiko für einen sehr teuren Film Geld aufzustellen, der nicht auf einer bekannten Vorlage beruht, und der noch dazu von einem unbekannten Autor/Autorin geschrieben wurde, geht vermutlich niemand ein.
  • Eine Geschichte, die vom Tonfall und inhaltlichen Versatzstücken her an etwas erinnert das es bereits gibt, hat gute Chancen umgesetzt zu werden. Aber gerade für diese Stoffe gibt es eine starke Konkurrenz am Markt. Deswegen braucht es genau das richtige Maß an Originalität.
  • Kann man den Film gut casten?
  • Man braucht einen verdammt guten Titel.
  • Wenn das zugrunde liegende Konzept bzw. Gedankenkonstrukt schon so kompliziert ist, dass  es in der Logline (emotional) schwer nachzuvollziehen ist, hat der Pitch wenig Chancen auf Umsetzung. (Klar, wie soll man die Geschichte dann vermarkten?)
  • Wie ist der Tonfall?

Bevor jetzt das wilde Augenrollen losgeht: Klar kann man jede dieser Regeln brechen. Klar gibt es die völlig anderen Filme, die trotzdem erfolgreich sind. Und klar gibt es künstlerisch wertvolle Filme, die deswegen so gut sind, weil sie in keine dieser Kategorien passen. Aber die Mehrzahl der Filme ist dafür gedacht, ein Publikum zu finden.

Und bevor jetzt jemand sagt „Aber wenn ich das alles befolge kommt ein langweiliger Einheitsbrei heraus!“ – also, ich persönlich mag nichts lieber als solche Grenzen. Die sind eine Herausforderung für mich – wie kann ich das Korsett von innen heraus ausdehnen und innerhalb der Grenzen etwas Neues schaffen? Ich denke, wenn bei jedem Drehbuchprojekt immer alles möglich wäre, hätte ich vor Langeweile schon meinen Beruf aufgegeben. Aber vielleicht geht es ja nur mir so.

(Videolink via Go Into The Story)

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InesDer Pitch

Wie man einen Film pitcht (aber richtig)

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Das macht gerade im internet die Runde, und es ist großartig.

Mir hat noch nie jemand ein Projekt so gepitcht. Habt ihr das schon mal versucht?

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InesWie man einen Film pitcht (aber richtig)

Der Pitch – reloaded!

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Ok, gebt mir kurz Zeit für eine kleine Selbstbeweihräucherung: In diesem Eröffnungsposting meiner kleinen Serie über das Pitchen habe ich folgendes geschrieben:

Ich habe mir die Pitches in Erinnerung gerufen, die nicht funktionierten. Und ich bin draufgekommen warum: Meistens lag es daran, dass die AutorInnen zu wenig über ihren Stoff wussten.

Und jetzt finde ich im Blog von Christopher Lockhart einen Artikel mit dem Titel „Some Advice On Pitching“. Und was steht da als Anweisung Nummer Eins? Genau:

KNOW YOUR STORY. (…) Have the answers.

(Ok, ich hör schon wieder auf. Aber man wird sich doch noch mal selbst loben dürfen…)

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InesDer Pitch – reloaded!

Der Pitch – Das Fazit

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Es gibt für mich kein Patentrezept für den erfolgreichen Pitch. Aber es gibt bestimmte Prinzipien, die sich schwer verleugnen lassen.

Ein guter Titel, eine klare Logline, eine verständliche Synopsis. Dazu eine eindeutige Hauptfigur, bei der mir klar ist, woher sie kommt, was sie erreichen will und wie sie entgegen aller Hürden dorthin kommt. Ein fundiertes Wissen über das Genre und den Tonfall der Geschichte ist auch hilfreich.

Unterm Strich geht es also darum, so viel wie möglich über die eigene Geschichte zu wissen, bevor man pitcht.

Also, viel Erfolg!

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InesDer Pitch – Das Fazit

Der Pitch – Die Logline

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Die hohe Kunst des Pitchens ist eine gute Logline. Wie man die definiert ist unklar, jedenfalls sollte es ein möglichst fesselnder Ein- bis Dreizeiler sein, der die Geschichte bestmöglich anteasert.

Die Logline kann sich dabei auf den Plot beschränken: „Als die weltbekannte Schauspielerin X auf den Buchhändler Y trifft, stellt diese Begegnung sein Leben auf den Kopf. Und er versucht, eine unmögliche Liebe möglich zu machen.“

Oder sie gibt einen Eindruck über das emotionale Thema der Geschichte wider: XY ist ein Film über die Lust zu Leben im Angesicht des Todes. Oder: XY ist ein Film über die Suche nach Anerkennung in einer unmenschlichen Welt voller Kälte.

Wie man sieht, ist die letztere Version weniger konkret, dafür kürzer. Das emotionale Thema der Geschichte ist manchmal aber gerade im Anfangsstadium einer Stoffentwicklung noch schwer festzulegen. Trotzdem ist es immer lohnend, sich im Vorfeld Gedanken darüber zu machen.

Zum Finden des emotionalen Themas eignen sich Gegensatzpaare wie „Liebe vs. Hass“, „Vertrauen vs. Verrat“, „Ordnung vs. Chaos“. Das emotionale Thema löst die emotionale Verbindung des Zusehers mit der Geschichte und den Figuren aus. Es ist für mich eines der mächtigsten dramaturgischen Werkzeuge, die es gibt.

Hat man es mit einem Episodenfilm zu tun, so ist ein klares emotionales Thema besonders wichtig, da sonst die Geschichte unweigerlich auseinander fällt.

Sollte beim mündlichen Pitch vom Gesprächspartner der berühmte Satz kommen „Und worum geht es bei der Geschichte eigentlich?“ – zum Beispiel nachdem man sich im äußeren Plot verzettelt hat – ist es fast immer das emotionale Thema der Geschichte gefragt.

Aber Achtung: Bitte nicht irgendetwas hinschreiben, nur weil es gut klingt. „Ein Film über Liebe, Hoffnung und den Tod“ macht sich vielleicht auf den ersten Blick gut, aber es ist so unspezifisch, dass damit alles und nichts gemeint sein kann. Das Ergebnis ist Beliebigkeit, und das ist keine gute Ausgangsbasis für einen erfolgreichen Pitch.

Wichtig ist, dass die Synopsis auch das hält was die Logline verspricht. Das betrifft auch den Tonfall. Wenn mir jemand ein Drama mit deprimierendem Ende erzählt und dann anmerkt, dass es aber auf keinen Fall ein typischer österreichischer Feel Bad Film werden soll, stimmt etwas nicht. Und das merkt der Gesprächspartner und auch der Leser ganz bestimmt.

Also gilt auch hier: Wahrhaftig sein!

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InesDer Pitch – Die Logline

Der Pitch – Die Synopsis

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Die Synopsis spiegelt den Weg des Protagonisten wieder. Wenn der Pitch sehr kurz ist, konzentriert man sich dabei auf den roten Faden der Haupthandlung und wird auf alle Nebenhandlungen verzichten.

Schriftliche Synopsen sind oft bei plotlastigen Geschichten schwieriger zu formulieren, weil man vor lauter Plotpoints schnell in eine stilistisch grauenvolle „Und dann… Und dann…“ Erzählweise verfällt. Interessant ist es dann, sich den emotionalen Bogen der Figuren anzusehen, manchmal lässt sich darüber die Geschichte besser vermitteln

Die schriftliche Synopsis sollte auf jeden Fall auch den Tonfall des Films widerspiegeln. Und bitte nicht auf Absätze vergessen. In einem durchgeschriebene Synopsen in 9Punkt Schrift einzeilig fördern nicht gerade die Lesbarkeit.

Die schriftliche Synopsis hilft auch beim mündlichen Pitch, damit man nicht den Faden verliert.

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InesDer Pitch – Die Synopsis

Der Pitch – Der Konflikt

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Eine Sache, die man unbedingt wissen sollte, ist welches Ziel die Hauptfigur verfolgt und was die Hürden sind, die die Figur am Erreichen dieses Ziels hindern. Das klingt banal, das Wissen darum ist aber tatsächlich nicht immer der Fall.

Auch sehr leise, innerliche Filme mit wenig äußerem Plot haben meiner Erfahrung nach immer Figuren, die eine Bewegung auf etwas Bestimmtes hin vollziehen. Und sie haben immer einen Konflikt, und sei er noch so klein. Es gibt immer irgendetwas, das eine Figur aus der Ruhestellung heraus aus der Bahn werfen will, auch wenn sich die Figur dagegen wehrt in Bewegung zu geraten. Und genau das sollte man als Autor auch formulieren können.

Sollte eine Geschichte gar keine Bewegung und einen durchgehend passiven Protagonisten haben, dessen ereignislosen Alltag man beobachtet, wenn also wirklich gar nichts passiert, dann muss man sich sicherlich auf die Frage gefasst machen, warum man das als Kinofilm erzählen will. Denn die ProduzentInnen müssen sich fragen, mit welcher Verhandlungsstrategie man die Fördergelder lukriert und den Film vermarktet. Einige ProduzentInnen suchen vielleicht genau das. Aber viele werden skeptisch sein.

Fazit: Was ist der Ausgangspunkt der Figur, was ist ihr Konflikt, und wo steht die Figur am Ende? Je mehr man darüber weiß, umso besser wird man die Geschichte pitchen können.

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InesDer Pitch – Der Konflikt