36 Fragen um sich kennen zu lernen oder: Wie man sich in seine Figuren verliebt

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Zur Zeit macht ein soziales Experiment die Runde. Es geht um die Frage, ob man sich in jeden Menschen verlieben kann, wenn man gemeinsam Zeit verbringt – also ein Date hat -, sich dabei gegenseitig 36 Fragen beantwortet, und sich im Anschluss 4 Minuten in die Augen sieht.

Theorie und Praxis sagen: Ja, das funktioniert. Hier ist der ausführliche Originalartikel aus der New York Times auf Englisch (lesenswert!), und hier die ganze Studie als PDF (ebenfalls auf Englisch). Warum das im Detail funktioniert, habe ich nicht recherchiert, aber es liegt für mich auf der Hand, dass man sich bei diesen Fragen öffnen muss. Man macht sich verletzbar. Das schafft Vertrauen und Zuneigung. Und es erinnert mich an eine kürzlich veröffentlichte Studie, in der Menschen, die sich gegen die Heirat von schwulen Paaren aussprachen, mit schwulen Menschen, die dafür waren, sprachen. Gemessen wurde, wie lang es dauerte, bis das Gespräch die Einstellung des Menschen, der gegen die Heirat war, reduzierte. Nach 20 Minuten war es so weit. Und die neue Haltung dieser Menschen strahlte auch auf die in ihrer Umgebung aus. So viel zum Thema miteinander reden und zuhören.

36 ways to find a lover, © Ines Häufler 2015

36 ways to find a lover, © Ines Häufler 2015

 

Als ich mir den Artikel durchgelesen hatte, habe ich mir die Frage gestellt, wann ich das letzte Mal mit meinen Figuren so ein Date hatte. Es gibt da nämlich eine Übung, die ich AutorInnen mit auf den Weg gebe, wenn ich feststelle, dass die größte Baustelle in die Figuren sind – beziehungsweise die Tatsache, dass man sie und ihre Motivationen viel zu wenig kennt, und deshalb in Klischees und Eindimensionalität abrutscht.

Die Übung geht so: Lass die Figur einen Ort aussuchen, der ihr wichtig ist. Gehe mit ihr dort hin. Trinke mit ihr ihr Lieblingsgetränk, stelle ihr Fragen und höre gut zu. Wie echte Menschen tendieren übrigens auch fiktionale Figuren dazu zu lügen. Vor allem am Anfang eines Gesprächs ist kaum jemand ehrlich – man will sich ja beim ersten Date keine Blöße geben. Hört deswegen genau hin, seid verständnisvoll, und fragt ab und zu nach: „Ah, interessant, wie du das siehst. Warum genau denkst du so darüber?“ Warum ist ja das Zauberwort schlechthin für interessante Figuren, und das gilt auch für diese Übung. Spätestens nach der 5. Warum?-Frage stößt man auf die Wahrheit, auch wenn es um Emotionen und Motivationen geht.

So ein Gespräch kann sich um ein spezielles Thema drehen, ganz am Anfang einer Stoffentwicklung ist es aber vielleicht wirklich interessant, sich mit allen 36 Fragen des Experiments zu spielen.

Ich habe hier einige herausgepickt, die ich besonders gut für die Übung finde. War gar nicht so einfach – am besten schaut ihr euch die ganze Liste durch, und testet alle Fragen mit der Figur, an der ihr gerade arbeitet. Hier ist trotzdem mein Best Of:

  • Wie würde dein perfekter Tag aussehen?
  • Wenn du etwas daran ändern könntest, wie du aufgezogen wurdest, was wäre das?
  • Erzähle deinem Gegenüber innerhalb von 4 Minuten deine Lebensgeschichte – so detailreich wie möglich!
  • Wenn du morgen aufwachst und eine Eigenschaft oder Fähigkeit dazu gewonnen hast, welche hättest du dann gerne?
  • Gibt es etwas, von dem du schon lange träumst, es zu tun? Warum hast du es noch nicht getan?
  • Was ist deine größte Leistung in deinem Leben?
  • Was ist deine wertvollste Erinnerung?
  • Was ist deine schrecklichste Erinnerung?
  • Wenn du wüsstest, dass du in einem Jahr plötzlich sterben wirst, würdest du irgendetwas daran ändern, wie du jetzt lebst? Warum?
  • Was bedeutet dir Freundschaft?
  • Wie ist die Beziehung zu deiner Mutter?
  • Teile einen peinlichen Moment deines Lebens.
  • Wann hast du zuletzt vor einer anderen Person geweint? Und wann alleine?
  • Was ist zu ernst, so dass man darüber keine Witze machen sollte?
  • Dein Haus und darin alles, was du besitzt, brennt. Menschen und Tiere sind in Sicherheit und du hast die Möglichkeit noch 1 Ding zu retten. Was wäre das und wieso?

Was habt ihr für Methoden, um die Figuren in euren Geschichten besser kennen zu lernen? Ich freue mich auf eure Kommentare!

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